Inklusion als Aufgabe und Chance für Alle

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von Barbara Brokamp

Erscheinungsjahr: 2016

Nicht erst seit der Ratifizierung der UN-Konvention für die Umsetzung der Rechte von Menschen mit Behinderungen ist Inklusion Thema einer interdisziplinären Debatte über zukunftsfähige Modelle einer menschenfreundlichen und lebenswerten Gesellschaft.

Der Blick auf Veränderungs- und Entwicklungsprozesse gesellschaftlichen  Zusammenlebens wird mit sehr unterschiedlichen Brillen vorgenommen. Je nach persönlichen Vorlieben und Interessen, biografischen  Erfahrungen, beruflichen  Aufträgen oder Expertisen, zugeschriebenen  Rollen oder globalen Herausforderungen stehen Fragestellungen im Vordergrund, werden Bereiche ganz ausgeblendet oder können aufgrund blinder Flecke nicht wahrgenommen werden.

In den vorliegenden Ausführungen geht es um einen Kern, ein Herzstück gesellschaftlicher Veränderungen, der inklusiven Orientierung. Die Grundidee ist mehr als eine temporäre  Maßnahme, sie ist nicht mit einem Projekt erledigt oder mit professionellem Projektmanagement zu bewältigen, sie ist nicht zu delegieren und nicht nur für bestimmte Teile der Gesellschaft relevant. Inklusion ist auf vielen Ebenen wirksam, überall und von jedem gestaltbar und eine Bereicherung für alle.

Inklusion ist mehr als die Integration von Menschen mit Behinderungen

In der Diskussion um die UN-Konvention ist hervorzuheben, dass es nicht um Sonderrechte für Menschen mit Behinderungen geht, sondern um die Realisierung allgemeiner Menschenrechte. Denn Behinderung ist nur eine von vielen möglichen Zuschreibungen, die Ursache für Benachteiligung und Ausschluss sein können. Diesen Aspekt bringt der Jurist, ehemalige Kinderbeauftragte der Landesregierung NRW und Mitglied in der National Coalition für die Umsetzung der UN- Kinderrechtskonvention  in Deutschland, Dr. Reinald Eichholz, auf den Punkt:

„Insgesamt habe ich den Eindruck, dass in der gegenwärtigen Bildungsdiskussion der umfassende Anspruch der Menschenrechtskonventionen noch gar nicht angekommen ist und deswegen auch die völkerrechtlich verbindlichen Rahmenbedingungen für die Weiterentwicklung nicht präsent sind. Man gewöhnt sich aufgrund der Behindertenrechtskonvention an, bei Inklusion nur an die Kinder und Jugendlichen  mit Behinderung zu denken. Sobald man sich den menschenrechtlichen Hintergrund klar macht, steht aber fest: Inklusion meint alle. Jedes Kind hat das Recht dazuzugehören, und zwar unabhängig von jeder Art der Verschiedenheit.“ (Eichholz in: Schumann 2012)

Dabei geht es „auch nicht darum, dass einzelne Schulen ‚inklusiv werden wollen‘ und andere wie bisher bleiben, sondern die Menschenrechtskonventionen verlangen Inklusion auf Dauer von allen Schulen, auch, wo es gar nicht um Menschen mit Behinderung, sondern um Abtrennung und Ausgrenzung auch anderer Art geht. Nötig ist eine grundlegend andere Einstellung zur Verschiedenartigkeit und Vielfalt – mit Auswirkungen, die tatsächlich das ganze System betreffen bis hin zu Bildungsstandards  und Fragen des Bewertungs- und Berechtigungswesens.“  (Eichholz in: Schumann 2012)

Inklusion ist ein Menschenrecht

Inklusion heißt, dass jeder Mensch willkommen ist, das ist eine sehr weitreichende Aussage. Sie gilt für jeden Menschen ganz unabhängig von seinen Voraussetzungen, für Kinder, Jugendliche oder Erwachsene, für Asylbewerber/innen, für Menschen mit Zuwanderungshintergrund, für Menschen jedweder sexuellen Orientierung und solche, die als behindert klassifiziert werden oder in einer abgehängten Schicht von Armut betroffen sind – für sonderbar wirkende Hochbegabte, eingeschüchterte und verwirrte, demente und alte Menschen, für privat Versicherte oder „Kassenmenschen“, kurz, für alle Menschen jeder Art, auch wenn sie von einem konstruierten und weit verbreiteten Verständnis von „Normalität“ abweichen.

Es gilt, das gesellschaftliche  Zusammenleben für alle Menschen ohne Ausgrenzungen und Diskriminierungen zu gestalten.

Dabei heißt „ willkommen  sein“ mehr als „dabei sein“. „Willkommen sein“ bedeutet, in seiner Einmaligkeit erkannt zu werden, gewollt zu sein, Spielraum und Möglichkeiten zu bekommen, Potenziale zu entfalten. Jede/r hat das Recht, aktiv am gesellschaftlichen und kulturellen Leben teilzuhaben und Veränderungsprozesse mit zu gestalten. Das erfordert eine Akzeptanz unterschiedlicher Zugangsweisen und Ausdrucksmöglichkeiten sowie eine wertschätzende und respektvolle Kommunikation, die nicht ausgrenzend ist.

Vielfalt bereichert

Inklusion in diesem Sinne beinhaltet  den Gedanken, dass Vielfalt bereichert. Häufig werden – gerade in pädagogischen Zusammenhängen – Unterschiedlichkeit und Vielfalt als etwas „schwer zu handhabendes“, etwas Bedrohliches, etwas Kompliziertes empfunden und eher vermieden. Je unterschiedlicher und vielfältiger die Menschen einer Gruppe, einer Wohneinheit, eines Dorfes oder einer Stadt aber sind, desto mehr kann die Gemeinschaft und jede/r einzelne von ihr profitieren. Jeder Mensch ist einmalig und kann etwas beitragen. Dabei sind die Möglichkeiten  für Verschiedenheit unendlich.

Jede Teilhabe, jedes aktive Beteiligen und Mitgestalten von inklusiven Veränderungsprozessen hinterlässt nicht nur Spuren in gesellschaftlichen  Zusammenhängen, sondern auch bei den Betroffenen selber. Die eigene Wirksamkeit zu erleben und dadurch Selbstwertgefühle zu empfinden stärkt das Selbstvertrauen und die Bereitschaft, sich weiterhin aktiv zu äußern und zu beteiligen. Damit leistet inklusives Handeln einen wichtigen Beitrag zur Demokratieentwicklung.

Inklusion ist eine Haltungsfrage und wirkt auf verschiedenen Ebenen

Das Handbuch „Inklusion vor Ort“ (Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft 2011, S. 24ff.) beschreibt  verschiedene Ebenen, auf denen inklusive Handlungen in Gemeinschaften wirksam werden:

1. „Ich mit Mir: die Ebene der einzelnen Person“. Sie umfasst „das Nachdenken über meine Haltung, meine Einstellungen und Sichtweisen, meine Urteile und Vorurteile und meine Bereitschaft, eine inklusive Haltung zu entwickeln.“  Dabei geht es auch um den Gebrauch meiner Sprache und mein kommunikatives Verhalten.

2. „Ich mit Dir: die Ebene Mensch-zu-Mensch“ im nachbarschaftlichen Raum zwischen dem rein „Privaten“ und dem „Öffentlichen“. Hier geht es um Beziehungen und Verbindungen zu anderen: Ich frage um Unterstützung  oder biete Hilfe an, ohne eine direkte Gegenleistung zu erwarten.

3. „Wir: die Ebene öffentlicher Organisationen“, Institutionen, Betriebe, Bildungseinrichtungen etc., d. h. die Ebene der Abstimmung von Verantwortlichkeiten und Strategien, um gemeinsame inklusive Ziele erreichen  zu können. Es geht auch um das direkte Miteinander in solchen Zusammenhängen und Inklusives Handeln im öffentlichen Raum.

4. „Wir und Wir: die Ebene der Vernetzung“ von Organisationen und Initiativen in einer Kommune, „die über ihren jeweiligen Verantwortungsbereich hinaus inklusive Lebenswelten anstreben.“ Einzelne Einrichtungen schauen über den Tellerrand und durch Vernetzung und Kooperation werden neue Ressourcen mobilisiert,  Synergieeffekte ausgelöst und Leistungen anderer erkannt und wertgeschätzt.

5: „Alle gemeinsam“. Auf dieser Ebene begreift sich die ganze Kommune oder das Netzwerk als Ganzes und darüber hinaus als Teil einer globalen Welt. Nicht gegeneinander wird um Ressourcen gekämpft, sondern miteinander werden gemeinsam Strategien für ein menschenwürdiges Leben aller Menschen entwickelt.

Diese fünf Ebenen zeigen, wie vielseitig die Möglichkeiten sind, am inklusiven Zusammenleben einer (Verantwortungs-)Gemeinschaft mitzuwirken. Sie zeigen auch, wie die oben beschriebene Vielfalt hier zum Nutzen aller werden kann und eine Teilhabe möglich wird: „Von Ebene zu Ebene werden die Beziehungen komplexer – und doch gibt es einen ganz einfachen Ausgangspunkt: Am Anfang steht immer der einzelne Mensch. Jede/r von uns schafft die Basis für das, was auf den nächsten Ebenen erreicht werden kann. Je mehr Menschen sich auf dieser ersten Ebene darüber Gedanken machen, ob und wo sie selbst inklusiv handeln können, umso wahrscheinlicher wird es, dass die Initiativen  auf den folgenden Ebenen gelingen.“ (Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft 2011, S.26f.)

Inklusion ist ein Prozess

Es gibt Tendenzen, feste Standards für inklusive Einrichtungen zu entwickeln oder Inklusion messen zu wollen. Bei dem Wunsch nach der Festlegung von Kriterien oder Standards für eine gelungene Inklusion  besteht  die Gefahr, Inklusion  als einen Zustand zu definieren  und nicht zu berücksichtigen, dass es sich bei Inklusion immer um einen Prozess handelt und es eher um ein Prinzip geht. Hilfreicher und angemessener ist es, danach zu fragen, woran sich inklusive Veränderungsprozesse orientieren, was einen inklusiven Referenzrahmen in Bezug auf den eigenen Handlungsbereich ausmacht und die Vielschichtigkeit dieser Prozesse wahr- und ernst zu nehmen.

Inklusion nimmt alle Menschen in die Verantwortung. Ein inklusiver Prozess kann immer und überall und von jeder und jedem begonnen werden. Dabei wird aber kein Prozess gleich verlaufen. Hinter jeder Organisation oder Institution, die sich an inklusiven Verpflichtungen und Regeln orientiert, stecken immer die Kultur, die Geschichte, die Vision, die Handlungsvielfalt der in ihr wirkenden Menschen und der sie umgebenden Umwelt.

An Inklusion wird immer weiter gearbeitet. Für jeden Prozess müssen Kriterien oder Indikatoren immer wieder neu „verhandelt“ werden. Was für eine Schule möglicherweise  einen riesengroßen Fortschritt in Richtung Inklusion bedeutet, kann in einer anderen Einrichtung längst Standard sein und dort werden andere Ziele angestrebt.

Inklusion verabschiedet den Mythos Homogenität

Gerade im Bildungsbereich hält sich hartnäckig der Mythos der Homogenität. Danach lassen sich Kinder oder Lernende allgemein in homogene Gruppen einteilen,  die sich in der Regel über Leistung definieren.  Dabei werden andere „Merkmale“ vernachlässigt, die den jeweiligen Menschen ausmachen.

Wichtig ist, unterschiedliche Dimensionen von Heterogenität als gleichwertig anzuerkennen – Kategorisierungen in Gruppen bergen die Gefahr, sie miteinander zu vergleichen, ihnen unterschiedliche Werte und Rechte zuzusprechen und das Individuum mit seinen vielen Unterschiedlichkeiten auf eine Gruppenzugehörigkeit zu reduzieren.

Der Züricher Arzt Remo Largo unterscheidet vier Dimensionen von Vielfalt als Merkmale kindlicher Entwicklung und fasst darunter sowohl die Unterschiedlichkeit eines jeden Kindes zu jedem anderen Kind, als auch die Vielfalt und Variationsbereitschaft,  die jedes Kind selber in sich trägt:

  • „Heterogenität als interindividuelle Variabilität zwischen Kindern
  • Singularität als Variabilität einzigartiger unterschiedlicher Entwicklungsverläufe bei unterschiedlichen Kindern,
  • Vielfalt in den Kindern  selber, z. B. was unterschiedliche Lernbereiche betrifft und 
  • kontext-temporäre  Variabilität der Kinder, abhängig von konkreten situativen Bedingungen“ (Largo 2009, S. 18ff.).

Nimmt man diese differenzierte Sichtweise von Heterogenität ernst, ist nachvollziehbar, dass es in Bildungsdiskussionen Bestrebungen gibt, Organisationsformen von Lernsettings zu gestalten, die eine einseitige Festlegung auf bestimmte Merkmale vermeiden. Stattdessen lassen sie eine Durchlässigkeit und Flexibilität zu, die letztlich zur Potenzialentfaltung aller Kinder und Jugendlichen beiträgt.

Inklusion im Bildungsbereich

Dass die Grundidee von Inklusion noch nicht in vollem Ausmaß „angekommen“ ist, zeigen immer wieder Beispiele, die Inklusion auf wenige Bereiche verkürzen.

Hans Wocken brachte es in einem Vortrag in Münster anlässlich einer Tagung der Grundschule Berg Fidel 2012  auf den Punkt: Er führte aus, dass Inklusion nicht eine Vielfalt der Lernorte meine, wie sie ja im schulischen Bereich aktuell in vielen Bundesländern angestrebt werde. Es gehe nicht darum, immer wieder neue Formen der Sek-I-Schulen zu kreieren und dann eine inklusive  Schule als eine weitere Möglichkeit zu preisen, sondern darum, Vielfalt in den Lernorten anzuerkennen, zu gewährleisten und damit niemanden auszugrenzen.

Die vielen Modelle in den einzelnen Bundesländern  sind in der Tat verwirrend  und tragen nicht zur Entwicklung einer inklusiven Haltung und einer gemeinsamen Verantwortungsübernahme für alle Kinder und Jugendlichen bei.

Nach Andrea Platte (2012) meint Inklusive Bildung Prozesse der Unterstützung einer und eines jeden einzelnen Lernenden – ohne Ausschluss und Ausnahme – und der daraus wachsenden Kraft für ein Ganzes, sei es eine Lern- oder Spielgruppe, eine Klasse, eine Kommune. Dazu gehören auch eine gegenseitige Anerkennung aller Bildungsorte und die Kooperation unterschiedlicher Bereiche. Auf kommunaler  Ebene zeigt sich die größte Wirkung, wenn Schule und Jugendhilfe zusammenarbeiten.

Im Rahmen der Projektarbeit mit dem Praxishandbuch „Inklusion vor Ort“ gibt es gerade in dem Bereich zahlreiche hervorragende Beispiele. In der Gemeinde Hürth gehen z. B. etliche  inklusive Impulse von der Musikschule aus, die sich als kulturelle Bildungseinrichtung  für alle versteht und eine Zusammenarbeit mit Schulen und vielen Vereinen vor Ort sowie der örtlichen Verwaltung anstrebt bzw. bereits praktiziert.

Der „Index für Inklusion“ – ein internationales Unterstützungsinstrument

Es gibt viele Instrumente,  die helfen, bestimmte  Phasen von Entwicklungsprozessen in Bildungseinrichtungen zu gestalten. Der „Index für Inklusion“(Boban/Hinz 2003) versteht sich in besonderer Weise als Hilfestellung für inklusive Veränderungsprozesse.

Der Index für Inklusion  wurde Anfang 2000 von den britischen Erziehungswissenschaftlern Mel Ainscow und Tony Booth entwickelt.  Seitdem wurde er in vierzig weitere Sprachen übersetzt und in weitaus mehr Ländern angewendet. 2003 haben Andreas Hinz und Ines Boban (Boban/Hinz 2003) ihn ins Deutsche übertragen und für deutsche Verhältnisse adaptiert. Inzwischen ist er in allen Bundesländern bekannt und wird in vielen Schulen als Hilfe zum Verständnis und zur Umsetzung von Inklusion genutzt.

Das Anliegen des Index ist:

  • die Identifizierung von Barrieren zur Teilhabe
  • die Entwicklung von Lösungsideen zur Überwindung dieser Barrieren
  • das Wahrnehmen der vorhandenen Ressourcen und Potenziale
  • die Ermöglichung der aktiven Teilhabe aller Mitglieder einer Einrichtung oder eines Systems
  • die Orientierung an inklusiven Werten

Der „Index für Inklusion“ beinhaltet neben ausführlichen Auseinandersetzungen mit dem Begriff Inklusion viele Hinweise und Erfahrungsberichte sowie konkrete Methoden und Möglichkeiten der Prozessgestaltung. Kern des Index sind 560 Fragen, die dabei helfen, sich aus vielen verschiedenen Blickwinkeln  mit dem Thema Inklusion  zu befassen.

Die Fragen werden hergeleitet aus drei Dimensionen, nämlich „inklusive Kulturen schaffen“, „inklusive Strukturen etablieren“ und „inklusive Praktiken entwickeln“, die wiederum nach Bereichen und sogenannten Indikatoren differenziert werden. Daraus leiten sich dann die Fragen ab, z. B.:

  • „Werden Menschen bei dem ersten Kontakt mit der Schule freundlich empfangen?“
  • „Lässt die Schule neue MitarbeiterInnen  spüren, dass die Erfahrung und das Wissen wertvoll sind, die sie in die Schule mitbringen?“
  • „Werden die SchülerInnen ermuntert, Sichtweisen zu erkunden, die sich von ihren eigenen unterscheiden?“ (Boban/Hinz 2003, S. 53; S. 67; S. 83)

Mit den Fragen kann sehr unterschiedlich gearbeitet werden. Auf den ersten Blick lassen sie sich mit ja oder nein beantworten – doch der erste Blick täuscht: Mit den Index-Fragen arbeiten heißt, sich selbst zu reflektieren, das eigene Denken und Handeln zu überprüfen; es heißt, sich mit anderen auszutauschen, die Neugierde auf andere Meinungen und Sichtweisen sowie die Vielfalt von Erfahrungen und Wissen zu entdecken und zu nutzen. Dabei geht es nicht um „richtige“ Antworten, sondern um den offenen Dialog. Indem man lernt, unterschiedliche Erfahrungen und Perspektiven wertzuschätzen und auf dieser Grundlage Ideen für Verbesserungen zu entwickeln, entwickeln sich innere Teilhabe, Solidarität, Verbundenheit und Verantwortungsübernahme und damit „wirkliche“ Partizipation (vgl. Brokamp, 2011).

Die Fragen des Index können als Einstieg, als permanente begleitende Reflexion oder als Hilfe für eine Evaluation genutzt werden. Sie helfen den Mitgliedern einer Schulgemeinde beim Betrachten ihrer Aktivitäten und Praktiken, Kultur und Strukturen und sorgen für den „inklusiven Blick“. Über Schulen und andere Bildungseinrichtungen hinaus sind sie in allen Verantwortungsbereichen hilfreich – in Schulämtern, Kompetenzteams, Fachgruppen, Teams und Leitungen schärfen sie die Aufmerksamkeit, um Ausgrenzungen zu vermeiden oder abzubauen – im Kleinen wie im Großen.

2011 wurde von Tony Booth eine überarbeitete (englischsprachige)  Fassung des „Index für Inklusion“ herausgegeben. In dieser Ausgabe hat Tony Booth die nunmehr zehnjährigen Erfahrungen aus der Arbeit mit dem Index in den unterschiedlichen  Ländern reflektiert  und einige neue Aspekte entwickelt. Interessant sind in diesem Zusammenhang die Betonung der inklusiven Werte und die Entwicklung eines Curriculums für Schulen, das diesen Ansprüchen gerecht werden soll (Booth/Ainscow 2011).

„Werte sind für mich die Grundlage für Orientierung und Aufforderung zum Handeln. Sie treiben uns an, geben uns ein Gefühl für die Richtung und definieren  ein Ziel. Wenn wir beurteilen  wollen, ob wir das Richtige tun oder getan haben, müssen wir den Zusammenhang zwischen unserem Handeln und unseren Werten verstehen. Denn alles Handeln, das andere mit einschließt, basiert auf Werten. Jede Aktion ist ein moralisches Statement, ob wir es wollen oder nicht. Mit einem Referenzrahmen für Werte definieren wir, wie wir jetzt und in Zukunft zusammenleben und gegenseitig voneinander lernen wollen.  Da wir in unseren Handlungen immer Werte benutzen, sollten wir als praktischen Schritt uns immer auch über die konkrete Verbindung unserer Handlungen mit bestimmten Werten klar werden.“ (Booth 2012, S. 186f.)

Dann werden Wertorientierungen genannt, die durch das eigene Handeln realisiert werden wie: Gleichheit (equality); Rechte (rights); Partizipation (participation); Gemeinschaft/Gemeinde (community); Mitgefühl (compassion); Wertschätzung von Vielfalt (respect for diversity); Nachhaltigkeit (sustainability); Gewaltfreiheit (non-violence); Ehrlichkeit (honesty); Vertrauen (trust); Mut (courage); Liebe zu Menschen und Sachen (love); Freude/Spaß (joy); Hoffnung/Optimismus (hope/optimism); das Erleben individueller Schönheit (beauty); Ehrlichkeit (honesty), Vertrauen (trust) und Mut (courage).

Die verschiedenen Herangehensweisen an den Index zeigt Booth in einer schematischen Darstellung inklusiver Veränderungsprozesse in (Bildungs-)Einrichtungen  (Booth 2012, S. 185). Insbesondere „Aktivitäten bündeln“ und „Bündnisse bilden“ bergen große Chancen unterschiedlicher Zugänge zu inklusivem Handeln, zu denen sicher Bereiche der Kulturellen Bildung zu zählen sind:

Eine gute Ergänzung zur Arbeit mit dem Index ist das Praxishandbuch  „Inklusion  vor Ort“, mit dem inklusive Prozesse in Gemeinden, Netzwerken, kommunalen  und anderen Einrichtungen  unterstützt werden können. (Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft 2011).  Viele der dortigen Fragen sind ebenso in Bildungseinrichtungen anwendbar und schärfen den Blick für gesellschaftliches Handeln.

Chancen durch kommunale Inklusionspläne

Eine große Chance bietet sich aktuell in der Erstellung von sogenannten Inklusionsplänen, die in den Städten und Gemeinden entwickelt  werden. Sie bieten die Möglichkeit, nachhaltig und langfristig auch die Bedeutung Kultureller Bildung zu verstetigen.

„Verpflichtet sein, sich als Gemeinwesen selbstwirksam  und partizipativ  in die Pflicht nehmen, spricht für ein hohes Maß an Verantwortung, an Souveränität und in Bezug auf inklusive Werte für eine eindeutig bekräftigende Positionierung zu den Menschenrechten. Mit dieser Haltung wird der Blick geöffnet für die eigenen Potenziale und Ressourcen. (...) Kommunale Selbstgestaltung braucht diese werteorientierte und souveräne Grundhaltung auf allen Ebenen und sie braucht neu konstruierte Planungs- und Realisierungsprozesse. Die beauftragten Gremien vor Ort sind geübt im Erstellen regionaler Planungen, die Vielschichtigkeit  und Komplexität des Entwicklungsauftrags Inklusion bedarf jedoch einer veränderten, nämlich inklusiven Konstruktion des Gesamtprozesses.“ (Patt 2012, S. 209f.)

Als Grundlagen und Chancen dieser inklusiven Konstruktion kommunaler Aktionspläne formuliert Patt dreizehn Gütekriterien bzw. Grundqualitäten, die in den einzelnen Etappen der Entwicklung solcher Pläne wichtig sind:

  1. „Inklusionsplanungen werden von Beginn an partizipativ, transparent und dialogisch entworfen.“
  2. „Die kommunale Inklusionsplanung braucht die Ausrichtung und stete Rückbindung an inklusiven Werten, ein formuliertes  inklusives Leitbild auf der Grundlage sprachlicher Verständigung und Definition.“
  3. „Kommunale Inklusionsplanung braucht das (kommunal-)politische Bekenntnis des Souveräns sowie die Eindeutigkeit des Auftrags.“
  4. „Die Planung wird inspiriert  von Visionen als Entwurf des zukünftig  Möglichen.“
  5. „Der Inklusionsplan beschreibt anspruchsvolle, wirksame und realisierbare Zieletappen, beginnend in einem Bereich in kleinen Schritten.“
  6. „Die Inklusionsplanung erfasst und betrachtet  alle Dimensionen, Ebenen und Lebensbereiche des Gemeinwesens.“
  7. „Der Maßnahmenplan ist in zeitlichen Etappen konkretisiert.“
  8. „Die bestehenden  Potenziale und guten Erfahrungen werden erfasst und alle Barrieren für Teilhabe werden identifiziert und analysiert.“
  9. „Die verfügbaren und neu zu aktivierenden Ressourcen sind beschrieben.“
  10. „Die Verantwortlichkeiten und die Beiträge der Beteiligten sind konkretisiert und verbindlich festgeschrieben.“
  11. „Die Etappen und Formen der Evaluation und Fortschreibung sind vereinbart.“
  12. „Die Projektstruktur, die Prozesssteuerung und das Monitoring sind installiert.“
  13. „Das ‚Mehr-Ebenen-Konzept’“ stellt „die Verbindung vertikaler (Gemeinde – Kreis – Land – Bund) sowie horizontaler Verantwortungs- und Planungsebenen aller kommunalen Gestaltungsbereiche durch sektorübergreifende Gesamtplanung in qualitativer Ausrichtung her“. (Patt 2012, S. 210ff.)

Auch in diesem Zusammenhang kann der „Index für Inklusion“ hilfreich  sein.

Fazit

Ein Herzstück gesellschaftlicher  Veränderungen für ein menschenwürdiges Zusammenleben, nämlich die inklusive Orientierung, fällt nicht vom Himmel sondern ist eine Frage der Haltung und der Verantwortungsübernahme. „Die Grundbedingungen für ein Gelingen von Inklusion lassen sich auch als Wertschätzung der Diversität, dem gewollten Umgang mit Vielfalt, der Heterogenität als Normalität, der Verschiedenheit im Gemeinsamen und der Möglichkeit der partizipativen Kommunikation kennzeichnen.“(Gilberger 2011). Die Gestaltung  der Prozesse ist die Aufgabe aller – es gilt, die aktuellen Chancen und Herausforderungen  auf allen Ebenen zu nutzen. Dazu gibt es bereits eine Anzahl von Beispielen, Hilfestellungen und Instrumenten, die einen Einstieg in inklusive Veränderungsprozesse an jedem Punkt und für jede/n von uns möglich machen.

Literatur

Boban, Ines/Hinz, Andreas (Hg.) (2003): Index für Inklusion. Lernen und Teilhabe in der Schule für alle entwickeln. Halle-Wittenberg: Martin-Luther-Universität.

Booth, Tony/Ainscow, Mel (2011):  Index for Inclusion. Developing Learning and Participation in Schools (Third edition and substantially revised and expanded).Bristol: Centre for Studies on Inclusive Education (CSIE).

Booth, Tony (2012): Der aktuelle  “Index for Inclusion”  in dritter  Auflage. In: Reich (2012), S. 180-203.

Brokamp, Barbara (2011):  Ein Kommunaler Index für Inklusion – oder: Wie können  sinnvoll kommunale Entwicklungsprozesse unterstützt  werden? In: Flieger, Petra; Schönwiese, Volker (Hg.): Menschenrechte  – Integration  – Inklusion. Bad Heilbrunn.

Demmer, Christine (2011): Schule anders denken, gestalten  und evaluieren. Eine Vergleichsstudie. Bonn: Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft.

Gilberger, Ruth (2011): Internes Gesprächsprotokoll. Bonn: Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft. Unveröffentlicht.

Largo, Remo (2009): Kinderjahre.  Die Individualität des Kindes als erzieherische Herausforderung. München: Piper.

Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft (2011): Inklusion vor Ort. Der Kommunale  Index für Inklusion – ein Praxishandbuch. Berlin: Eigenverlag des Deutschen Vereins.

Patt, Raimund (2012):  Kommunale Strategien: Regionale Inklusionsplanung verbindlich gestalten. In: Reich (2012), S. 205-219.

Platte, Andrea (2012): Inklusive Bildung als internationale Leitidee und pädagogische Herausforderung. Unveröffentlichtes Manuskript.

Reich, Kersten (Hg.) (2012):  Inklusion und Bildungsgerechtigkeit.  Standards und Regeln zur Umsetzung einer inklusiven  Schule. Weinheim/Basel: Beltz.

Schumann, B. (2012): Mehr als Regelschule plus Behindertenpädagogik. Interview mit Dr. Reinald Eichholz vom 21.02.12. In: http://bildungsklick.de/a/82558/mehr-als-regelschule-plus- behindertenpaedagogik/

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Barbara Brokamp (2016): Inklusion als Aufgabe und Chance für Alle. In: KULTURELLE BILDUNG ONLINE:
https://www.kubi-online.de/artikel/inklusion-aufgabe-chance-alle
(letzter Zugriff am 26.09.2018)

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