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Hund verfroren? Einblick in die Praxis kultureller Freiwilligendienste in ländlichen Regionen Niedersachsens

von Juliane v. Ilten  Erscheinungsjahr: 2018

Niedersachsen ist ein Flächenland und zugleich das zweitgrößte Bundesland der Bundesrepublik. Neben den sogenannten „Verdichtungsräumen“ um die großen Zentren wie Hannover oder Braunschweig, neben Stadtregionen wie Oldenburg oder Osnabrück, weist Niedersachsen ländliche Räume auf, die sehr unterschiedlich strukturiert und ausgerichtet sind. Als traditionell strukturschwache Regionen sind der Harz, Teile von Ostfriesland und Nordostniedersachsen sowie das ehemalige Zonenrandgebiet bekannt.

Düstere Redensarten und Prognosen

„Hund verfroren“, „da werden die Bürgersteige hochgeklappt“, „es sagen sich Fuchs und Hase gute Nacht“, oder „da möchte man nicht tot über dem Zaun hängen“ sind wenig schmeichelhafte Redensarten über ländliche Gegenden. Als „dramatischen Bevölkerungsschwund“ beschreiben das Hamburger Abendblatt und RTL Nord im Mai 2015 die Situation und beziehen sich auf eine Prognose der NBank (ebenfalls aus dem Jahr 2015 https://www.nbank.de/Service/News/News-Detail_2438.jsp), nach der einige Gegenden Niedersachsens jede*n fünfte*n Einwohner*in an die Städte verlieren. Gegenmaßnahmen wie die der Agentur Wendlandleben (http://www.wendlandleben.de/) im Landkreis Lüchow-Dannenberg (Weserkurier 29.10.2017 https://www.weser-kurier.de/region/niedersachsen_artikel,-gegen-den-bevoelkerungsschwund-_arid,1663139.html ) entwerfen konkrete positive Maßnahmen gegen die düsteren Bilder.

Lichtblick und Visionen

Engagement und Freiwilligendienste sind ein weiterer Lichtblick, schaut man in die vermeintlich verlassenen ländlichen Räume. Mit den Jugendfreiwilligendiensten FSJ Kultur und FSJ Politik sowie dem Bundesfreiwilligendienst Kultur und Bildung für Engagierte ab 27 Jahren ist die Landesvereinigung Kulturelle Jugendbildung (LKJ) Niedersachsen (https://ww.lkjnds.de/lkj-portal.html) in 270 Einsatzstellen in ganz Niedersachsen vertreten. Erklärtes Ziel ist es, seit Einführung dieser Freiwilligendienste im Jahr 2001 (Kultur), 2009 (Politik) und 2011 (Bundesfreiwilligendienst/BFD), in allen Regionen Freiwilligenplätze anzubieten. Den ländlichen Raum durch freiwilliges Engagement zu beleben ist ein Anliegen und Kernaufgabe der LKJ. Damit verbunden werden Anstrengungen unternommen, eben hier Einsatzstellen zu gewinnen, zu halten und an Teilnehmende zu vermitteln. Die Chancen und Herausforderungen von freiwilligem Engagement auf dem Land sind für die LKJ Niedersachsen ein begleitendes Thema, mit dem sie sich auf praktischer und fachlicher Ebenen seit vielen Jahren auseinandersetzt. Worin bestehen die „Chancen und Herausforderungen“ der Freiwilligendienste – und welche wegweisenden Optionen ergeben sich bei einem Blick in die Fläche?

Drei Beispiele für Engagement im ländlichen Niedersachsen

Astrid Fenselau lebt in Hänigsen seit sie drei Jahre alt ist, einem Ort im Raum Burgdorf/Celle. Astrid ist damit eine „Zugezogene“ im engsten Sinne. Da ihre Familie jedoch sehr aktiv im Vereinsleben war, darf sie sich stolz als „integriert“ bezeichnen. Eine wichtige Basis – wenn man dazu gehören möchte. Dazu gehören – dabei sein; das ist der Grund, warum es für die 32-jährige zweifache Mutter in ihrem BFD nur selten Feierabend gibt. Das Engagement für ihre Einsatzstelle, die Kunstspirale, endet nicht an der Tür des alten Backsteingebäudes. Wenn sie ihre Kinder in den Kindergarten oder die Grundschule bringt, beim Bäcker oder beim Maifest ist – angesprochen wird sie überall. Astrid wollte genau das, sich hier in Hänigsen engagieren, wo sie, wie sie selbst sagt, alles hat, was sie braucht. Mehrere Anliegen lassen sich für sie im BFD verbinden: die berufliche Neuorientierung, die Vereinbarkeit von beruflicher Tätigkeit und Kindererziehung und nicht zuletzt der Wunsch, das kulturelle Leben im Ort zu unterstützen. Das ist eine Herzensangelegenheit, die der Kunstspirale gut tut, bestätigt auch Christine Späthe, Gründerin und Geschäftsführerin der Kunstspirale.

Detlef Spiess kam vor über 30 Jahren aus Berlin nach Platenlaase. Platenlaase gehört zur Gemeinde Jameln, die in 10 Ortschaften über insgesamt ca. 1100 Einwohner*innen verfügt. Als einer von drei Berliner Männern erstand er zwischen Lüchow und Dannenberg ein altes Vierständer Haus. Kontakte, Liebe zur Kultur und ein Hauch von Chaos ließen 1982 das Café Grenzbereiche entstehen. Mitten im verschlafenen Landkreis Lüchow-Dannenberg, in dem in den 80ern die AKW Bewegung zentrales Thema war. Auf inzwischen 754 m² angewachsen, ging Platenlaase als soziokulturelles Zentrum in die nächsten Jahre. Live-Musik, Theater und Kino sowie Projekte, Workshops, Tanznächte, politische Veranstaltungen und Eigenproduktionen; das ganze Jahr über wird bis heute ein regelmäßiges Programm angeboten. Nutzer*innengruppen, Mitbestimmung, mehr als 90% Ehrenamt, Spenden und viel Leidenschaft sind in Platenlaase mehr als Worte. Sie sind der Grund, warum die Einrichtung fast rund um die Uhr belebt ist. Det, wie man ihn hier nennt, gehört seit 30 Jahren dazu. Als gelernter KFZ Mechaniker und Erzieher konnte er in Platenlaase viel einbringen: technisches und handwerkliches Verständnis, aber auch ein gutes Händchen für die Menschen, die sich engagieren. 10 Jahre war er hauptberuflich in „seinem Platenlaase“ tätig, dann entfernten sich seine Wege etwas, aber nie wirklich weit weg, wie er selbst sagt. Mit 70 Jahren ist Dete nun wieder mittendrin. Als das Team des Zentrums ihm angeboten hat, für ihn einen Bundesfreiwilligendienst einzurichten, musste er nicht lange überlegen und hat zugegriffen. „Ich bin ja sowieso viel hier. Da ist es schön, wenn ich für meine Arbeit ein Taschengeld bekomme“. In Platenlaase kennt er jeden Stein, seine Erinnerungen an die Anfänge und die vielen wilden Parties kann er sehr lebendig vermitteln. „Dit is meine Heimat“, wie er aus vollem Herzen sagt.

Für Adriana Vrhel war es bei der Wahl der Einrichtung zweitrangig, ob diese sich auf dem Land befindet. Entscheidend war für die aus dem Lüneburger Raum kommende Jugendliche, dass es ein sehr vielfältiges, abwechslungsreiches Programm in ihrer Wunscheinsatzstelle gibt. Und sich für sie, als Freiwillige im FSJ Kultur, in der Seefelder Mühle zwischen Jadebusen und Wesermündung schier unendliche Möglichkeiten der Betätigung ergeben. Als soziokulturelle Einrichtung auf dem Land reichen die Angebote der Seefelder Mühle von Sport, Entspannung, Handarbeiten, Chorsingen, Theater, Konzerten, Ausstellungen – eben allem, was die Menschen rund um Seefeld interessieren könnte. Die Menschen in der Region nimmt die 19-jährige als sehr offen wahr. „Sie sind neugierig, was wir machen und lassen sich ein auf das, was angeboten wird.“ Und so kann man auch mal etwas ausprobieren in den Workshops oder Ausstellungen, so wie in ihrem eigenen Projekt, dem Fotoworkshop „Luminogramme“.

Wirkung von Freiwilligendiensten

Von den Freiwilligen werden Werte wie „Zugehörigkeit“, „Gestaltungsräume“ und „Anerkennung“, „Verantwortung“ oder „Abwechslung“ als wesentliche Faktoren für ein Gelingen ihres Freiwilligendienstes genannt. Werte, mit denen sich die Freiwilligen identifizieren. Gelebte Werte, von denen auch diejenigen profitieren, die zu den Veranstaltungen und Workshops der Einrichtungen kommen. Die Geschäftsführerin der Seefelder Mühle, Gesche Gloystein, sagt über das FSJ Kultur, dass „viele gute neue Ideen hereinkommen“. Sie sei daher besonders froh über die Projekte der Freiwilligen, die für Innovationen sorgen und zugleich „am Puls der Zeit“ sind. Diese würden, so Gloystein, zwar nicht dazu führen, dass viele Jugendliche kommen. Ein Freiwilligendienst könne den Drang der Jugend Richtung Großstadt und Event nicht aufhalten. Aber, und das spiegelt auch die Beschreibung der Freiwilligen in Hänigsen und Platenlaase, es kann helfen, dass die Einrichtungen im ländlichen Raum als Generationentreffpunkt wahrgenommen werden. Was interessiert die Leute hier? Das können stark verwurzelte Engagierte wie Detlef in Platenlaase oder Astrid in Hänigsen gut beurteilen. Sie sind mit ihrer Leidenschaft für die Sache mittendrin und eine bessere Einladung gibt es nicht: Menschen, die zeigen, dass was wir hier tun, dafür lohnt es sich Zeit zu investieren – über den Feierabend hinaus. Dafür lohnt es, sich auf den Weg zu machen. Bei der jugendlichen Freiwilligen Adriana ist es auch der selbstverständliche Umgang mit Social Media der im generationenübergreifenden Team der Seefelder Mühle als wichtige Ergänzung für das Marketing gesehen wird. Über Instagram und Facebook werden Bilder in die Welt geschickt die zeigen, dass auf dem Land ein anspruchsvolles und vielfältiges Kulturprogramm möglich ist, welches dem in der Stadt in nichts nachstehen muss. Und so berichtet die Freiwillige der Seefelder Mühle: „Ein paar Teilnehmende des Improvisationsworkshops kommen jeden Monat die 50 km aus Oldenburg zu uns“, und sie fügt hinzu: „Scheinbar gibt es so etwas in der Stadt nicht. Zumindest nicht mit der Möglichkeit, mit Blick über die Kuhwiesen zu improvisieren.“

Es fordert Anstrengung, Jugendliche im ländlichen Raum zu halten. Ebenso fordert es Kreativität, ein altersoffenes Publikum zu gewinnen. Freiwilligendienste können dazu beitragen. Dort, wo gewachsene ehrenamtliche Strukturen, viel Engagement und regionale Verbundenheit auf neue Ideen treffen, entsteht ein dynamischer Gestaltungsraum. Ein Gestaltungsraum der Menschen bindet – weil Herzensangelegenheiten immer authentisch sind.