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Die große Spielwut im Herbst des Lebens – Zusammenfassung der Bestandsaufnahme zum Seniorentheater in Nordrhein-Westfalen

von Magdalena Skorupa (21. Jan. 2015) Erscheinungsjahr: 2015

Einführung

Das Seniorentheater hat sich in den letzten Jahren zu einem bedeutenden Bereich des kulturellen Engagements älterer Menschen entwickelt. Immer mehr Ältere finden in dieser Art von kultureller Aktivität neue Herausforderungen und Entwicklungsmöglichkeiten, aber auch Sinnstiftung und soziale Eingebundenheit.

In Nordrhein-Westfalen gibt es eine Vielzahl von spielbegeisterten Seniorentheatergruppen, die eine große Bandbreite ambitionierter Amateurtheaterarbeit zeigen. Allerdings findet die Seniorentheaterszene bisher im öffentlichen Bewusstsein, anders als das Kinder- und Jugendtheater, noch wenig Beachtung und Anerkennung.

Zudem gibt es wenig wissenschaftliche Feldforschung, die über einzelne Beispiele hinausgeht. Drei Studien seien an dieser Stelle zum Thema Theater mit Älteren genannt: Caroline Kühnl hat 2005 für die Seniorentheaterkonferenz NRW eine Befragung von SpielerInnen durchgeführt (Kühnl 2006). Ute Karl hat sich im Rahmen ihrer Dissertation mit der Bedeutung des Theaterspielens für den Lebenslauf und als Bildungsprozess befasst (Karl 2005). Die LAG Spiel und Theater Thüringen e.V. hat eine Bestandsaufnahme der Seniorentheatergruppen in Thüringen in Auftrag gegeben (Spaniel 2014). Zum Thema Seniorentheater im Allgemeinen existieren wenige Publikationen. Die Fachzeitschrift Spiel & Bühne des Bund Deutscher Amatheurtheater widmet sich dem Thema in der Ausgabe 4/2013 und das kubia-Magazin Kulturräume+ in Heft 6/2014. Eine umfassende Bestandsaufnahme, die verlässliche Daten über das Theaterangebot mit Älteren und die Nutzung solcher kulturellen Bildungsangebote in Nordrhein-Westfalen gibt, hat bisher gefehlt.

Vor diesem Hintergrund wurde von kubia – dem Kompetenzzentrum für Bildung und Kultur im Alter im Institut für Bildung und Kultur e.V. im Frühjahr 2014 eine Bestandsaufnahme der Seniorentheater in Nordrhein-Westfalen konzipiert und durchgeführt. Denn für die Arbeit der landesweit agierenden Plattform Theatergold (www.theatergold.de), einem Arbeitsfeld von kubia, ist das Wissen darüber, welche Seniorentheatergruppen im hiesigen Bundesland angesiedelt sind, wie sie organisiert sind und arbeiten, von großem Interesse.

Bedeutung des Seniorentheaters

Die in den letzten Jahren zu verzeichnende Expansion des Theaters mit Älteren in Nordrhein-Westfalen ist im Zusammenhang mit gesellschaftlichen Veränderungen der Bevölkerungsstruktur zu sehen. Bis zum Jahr 2030 wird mit einem Anstieg des Anteils der 65-Jährigen und Älteren in Nordrhein-Westfalen auf 26,9 Prozent gerechnet. Der Anteil der Hochbetagten über 80 Jahren wächst ebenfalls weiter an. 2030 wird er voraussichtlich bei 7,8% liegen und bis 2050 auf über 14 Prozent der Gesamtbevölkerung steigen (vgl. Cicholas/Ströker 2012). Die heutigen älteren Menschen weisen einen guten Gesundheitszustand auf und sind länger fit und aktiv (vgl. Generali Zukunftsfonds/Institut für Demoskopie 2012:257f.). Zudem sind viele von ihnen gut ausgebildet und über ihre Berufstätigkeit hinaus engagiert (vgl. ebd. 2012:343f.). Mit dieser Entwicklung geht eine „Diversifizierung der Lebensstile sowie die Veränderung gesellschaftlicher Altersbilder“ einher (Karl 2012:216). Alter wird gesellschaftlich unterschiedlich wahrgenommen, das Altersbild des „aktiven Seniors“ löst das „defizitäre“ Altersbild ab, das Alter mit Verlust der Autonomie, Krankheit und Einsamkeit konnotiert. Ute Karl bemerkt, das Theaterspielen im Alter als Ausdruck eines aktiven Alter(n)s gesehen werden kann, dass es eine Möglichkeit zur aktiven kulturellen Teilhabe bietet und eine soziale und ästhetische Bereicherung ist (vgl. ebd.).

Bestandsaufnahme

Um die genaue Situation der Seniorentheaterszene in Nordrhein-Westfalen beschreiben zu können, wurden in der Bestandsaufnahme die strukturellen Bedingungen, Produktions- und Arbeitsweisen und Bedarfe der Seniorentheatergruppen in den Blick genommen. Zu diesem Zweck wurde ein Fragebogen konzipiert und im Frühjahr 2014 an rund 80 SpielleiterInnen von Seniorentheatergruppen, mit der Bitte um Beteiligung und Weiterleitung, verschickt. Ziel der Befragung war es, ein möglichst eindeutiges Bild von der Verfasstheit und Arbeit der Gruppen zu erstellen. Daher schien es sinnvoll, die Spielleitungen der Gruppe zu befragen, weil diese gleichermaßen Angaben über die Gruppenstruktur sowie über die Arbeitsweise machen können. Mittels einer besseren Kenntnis der Verfasstheit und Belange der Seniorentheater in Nordrhein-Westfalen soll die Seniorentheaterszene letztlich kulturpolitisch gestärkt und unterstützt werden.

Zu den Themen der Befragung gehörten:

  • Leitung der Theatergruppe (professioneller Hintergrund der Spielleitung)
  • Daten zur soziodemografischen Struktur der Theatergruppen
  • Organisationsform der Gruppen (Rechtsform, Finanzierung, Anteil von professioneller
  • und nicht-professioneller Arbeit)
  • Produktions- und Arbeitsweisen (Produktionsrhythmus, Probenfrequenz, Methoden,
  • Themen, Spartenzuordnung)
  • Rezeption (Aufführungsorte, Wirkungskreis, Anzahl der Aufführungen, Auslastung,
  • Gastspiele, Publikumszusammensetzung)
  • Fortbildungsbedarfe von Leitung sowie SpielerInnen

Ergebnisse

  • Seniorentheater ist kein Randphänomen

65 Gruppen aus Nordrhein-Westfalen haben sich an der Befragung beteiligt und über ihre Verfasstheit und Arbeit detailliert Auskunft gegeben. Diese hohe Anzahl zeigt, dass das Seniorentheater, auch im Vergleich zum Kinder- und Jugendtheater, längst kein Randphänomen mehr und in Nordrhein-Westfalen reich vertreten ist.

  • Boom des Seniorentheaters seit der Jahrtausendwende

Die Ergebnisse der Bestandsaufnahme zeigen, dass die Seniorentheaterszene um die Jahrtausendwende enormen Zuwachs erhalten hat. Seinen Ursprung hat das Seniorentheater in Nordrhein-Westfalen 1979. Das FWT Köln (Freies Werkstatt Theater) initiierte damals als erstes Theater der Bundesrepublik ein eigenes Altentheater-Ensemble. 1989 wurden eine Gruppe in Düsseldorf und eine in Krefeld gegründet, 1990 weitere in Bottrop und Mülheim an der Ruhr. Von 2000 bis heute haben sich 51 Gruppen gebildet. Dieser „Boom“ weist daraufhin, dass die Generation der Älteren heutzutage, nach künstlerisch-kulturellen Ausdrucksformen sucht. Es ist anzunehmen, dass sich diese Entwicklung auch in nächster Zukunft fortsetzen wird, wenn die bildungsbewusste und kulturaffine Generation der Babyboomer die Altersgrenze erreicht.

  • Seniorentheater ist städtisch

Ein wesentliches Ergebnis der Bestandsaufnahme ist, dass Seniorentheater überwiegend in den Großstädten Nordrhein-Westfalens stattfindet, also in Städten mit mindestens 100.000 EinwohnerInnen. Dort sind die meisten Theatergruppen mit Älteren situiert, werden die meisten Vorstellungen besucht und die höchsten Zuschauerzahlen erreicht. Auch sind vor allem die Seniorentheatergruppen aus Großstädten, die international bekannt sind. Vereinzelt gibt es in den ländlichen Regionen Gruppen, die ein Theaterangebot für und mit Älteren anbieten.

  • Große Altersspanne und intergenerationelle Ensembles

Die Altersspanne in den Ensembles reicht von 50 bis zu 100 Jahren. Es gibt Ensembles, in denen zwei oder sogar drei Generationen von Älteren vertreten sind. 16 Prozent gehören zu den „jungen Alten“, sie sind zwischen 50 und 60 Jahren, und sechs Prozent sind über 80 Jahre alt. Mit 32 Prozent ist der größte Anteil der SpielerInnen zwischen 60 und 70 und mit 25 Prozent zwischen 70 und 80 Jahren. Ob die befragten Altersgruppen bereits in früheren Jahren (Amateur)Theater gespielt hat, kann anhand der Bestandsaufnahme nicht gesagt werden. Fast die Hälfte der Gruppen arbeitet regelmäßig in Projekten mit Kindern und/oder Jugendlichen zusammen. Einige der befragten SpielleiterInnen stehen einer intergenerationellen Zusammenarbeit positiv gegenüber, hatten bisher aber noch keinen Zugang dazu.

  • Seniorentheater ist weiblich

Durch die Bestandsaufnahme wurden rund 900 aktive SpielerInnen im Land identifiziert. Der Anteil der Frauen ist mit 70 Prozent deutlich höher als der der Männer. Das KulturBarometer50+ bestätigt ebenfalls, dass das Interesse an Kultur generell bei Frauen größer ist als bei Männern (vgl. hierzu Keuchel/Wiesand 2008:18).

  • Vielfalt und Heterogenität der Ensembles

Die Szene hat sich seit ihren Anfängen sehr diversifiziert. Neben intergenerationell arbeitenden Ensembles gibt es Gruppen, die sich besonderen Zielgruppen öffnen, z.B. Menschen mit Demenz oder Menschen mit Migrationshintergrund. Hier zeigt sich auch, dass das Alter „bunter“ wird. Viele der Menschen, die in den 1960er Jahren in der ersten Generation der sogenannten Gastarbeiter nach Deutschland kamen, sind geblieben und verbringen hier ihren Ruhestand. Dies spiegelt sich folglich auch in der Zusammensetzung der Seniorentheatergruppen wider. SpielerInnen mit Migrationshintergrund sind in 26 der befragten Gruppen vertreten. Festzustellen ist, dass diese Gruppen nicht in den ländlichen Regionen, sondern eher in städtischen bzw. großstädtischen Räumen zu finden sind.

  • Hohes Engagement und Selbstorganisation

Die Ergebnisse der Bestandsaufnahme zeugen von einer hohen Bereitschaft der älteren SpielerInnen sich für die eigenen künstlerisch-kulturellen Belange zu engagieren. Die Seniorentheatergruppen haben verschiedene Organisationsformen: Neben den Gruppen, die festen Häusern oder Institutionen angeschlossen sind, agieren 27 selbstorganisiert als freie Gruppen. Elf davon sind als eigenständiger, gemeinnütziger Verein konstituiert, d.h. neben der eigentlichen Theaterarbeit übernehmen die Gruppen die Organisation und Vereinsarbeit in Eigenregie. Die älteren SpielerInnen stehen nicht nur auf der Bühne: Viele bringen sich auch hinter der Bühne aktiv in die Theaterproduktionen ein. Sie beteiligen sich an gestalterischen Aufgaben wie Kostüm- und Bühnenbild und übernehmen die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Die Ensemblemitglieder engagieren sich auch finanziell: 38 der Gruppen finanzieren ihre Arbeit selbst durch Teilnehmer- bzw. Mitgliedsbeiträge. Auch die SpielleiterInnen sind sehr engagiert. Elf der 63 Befragten sind ehrenamtlich tätig, sechs davon sind schon im Ruhestand. Die meisten Seniorentheaterstücke entstehen als Gemeinschaftsleistung, so sind alle Beteiligten an den Entstehungsprozessen beteiligt. Viele Theatergruppen spielen für Kinder und Jugendliche sowie für Ältere in Heimen. Das kulturelle Engagement der von uns befragten Gruppen ist hoch und zeigt, dass das Theaterspielen nicht nur für die SpielerInnen, sondern auch gesellschaftlich einen Mehrwert hat.

  • Künstlerische Professionalität statt Sozialarbeit

Seniorentheater ist heute im Kulturbereich angekommen und ist seltener ein Angebot der sozialen Altenarbeit. Die Ergebnisse der Bestandsaufnahme bestätigen die künstlerische Professionalität der Szene: 92 Prozent der Spielleitungen haben eine künstlerische bzw. theater- oder tanzpädagogische (Zusatz-)Ausbildung und die meisten arbeiten auch hauptberuflich in einem künstlerischen Feld. Nur acht Prozent der Spielleitungen sind Amateure. Hier zeigt sich, dass die Theater- und Tanzgeragogik ein neues, wachsendes Feld für diese Berufsgruppe bietet. Weitere Theater-Profis, wie beispielsweise Licht- und BühnentechnikerInnen, Bühnen- und KostümbildnerInnen, DramaturgInnen und MitarbeiterInnen für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, sind in die Produktionen eingebunden. Auch die Verortung der Gruppen lässt darauf schließen, dass Seniorentheater längst dem Feld der Kulturarbeit zuzuordnen ist. Nur acht der Gruppen (zwölf Prozent) sind in Trägerschaft von sozialen Einrichtungen oder Kirchengemeinden, 46 Prozent sind Stadttheatern und Landesbühnen, freien Theaterhäusern, Soziokulturzentren, Volkshochschulen oder Einrichtungen der Kulturellen Bildung (Musik- und Kunstschulen) angeschlossen. Auch die Aufführungen finden überwiegend an Orten der Kultur statt.

  • Methoden in der Theaterarbeit mit Älteren

Zwei Drittel der Gruppen bringen eigene Stücke zur Aufführung, das andere Drittel hält sich eher an Textvorlagen, die zum Teil umgeschrieben oder neu interpretiert werden. Dabei bedienen sie die unterschiedlichsten Sparten. Neben Gruppen, die auf Schauspiel oder Biografie-Theater spezialisiert sind, sind 14 Tanztheatergruppen, fünf Musiktheater- und neun Kabarettensembles sowie eine Puppentheatergruppe aktiv.

Es scheint kein Zufall, dass Theater mit Älteren die Methode der Biografiearbeit nutzt, um aus dem reichen Erfahrungsschatz der TeilnehmerInnen in theaterpraktischen Übungen Stücke zu entwickeln und zu schreiben. Das Seniorentheater verfügt über das Potential, bei entsprechender Leitung künstlerisch reflektierte Lebenserfahrung auf die Bühne zu bringen, so dass die Spielenden zu ExpertInnen des eigenen Lebens werden. Dabei wird die persönliche Geschichte zum Forschungslabor und Probierfeld.

Auch die Methode der Improvisation ist für viele SpielleiterInnen ein Zugang, um mit älteren Menschen Theater zu spielen. Der Theaterpädagoge und Theaterwissenschaftler Jens Clausen beispielsweise sieht im Improvisationstheater einen hervorragenden Rahmen für die intergenerationelle Theaterarbeit: „Es fördert das Individuelle, den eigenen Blick auf die Welt, den speziellen Humor, die eigenwillige Idee und gleichzeitig erfordert es Zusammenarbeit. Es setzt voraus, zu erkennen, was der Partner in die Szene einbringt und was das gemeinsame Ziel ist.“ (Clausen 2012, S. 23)

  • Weder Sketche noch Befindlichkeitstheater – Themen und Formen

Seniorentheater beschränkt sich keineswegs nur auf „Sketche“, sondern bietet von der Interpretation zeitgenössischer Dramatik über ambitioniertes Tanztheater bis hin zu Performances die ganze Palette Darstellender Kunst. Genauso vielfältig sind die Themen: Es geht im Seniorentheater nicht mehr um „Nabelschau und Befindlichkeitstheater“, wie es auch die Geschäftsführerin des Bundes Deutscher Amateurtheater attestierte (vgl. Ostertag 2014:15). Die Themenfindung und Stückauswahl liegt zumeist in der Mitverantwortung der SpielerInnen. Gemeinsam mit der Spielleitung überlegen sie, welche Schwerpunkte sie für ihre Produktionen wählen. In einigen Fällen trifft die Spielleitung aufgrund der Interessen der Teilnehmenden im Vorfeld eine Auswahl. Spannend und wichtig für viele SpielerInnen ist es, sich mit altersspezifischen Themen auseinanderzusetzen. Wie fühlen sich ältere Menschen? Wie werden sie wahrgenommen? Was bewegt sie? Und wie wollen sie alt werden? All diese Fragen spielen bei der Themenfindung eine Rolle. Daneben haben gesellschaftspolitische Themen und das Zusammenleben der Generationen eine besondere Relevanz. Viele Gruppen beziehen zudem zu Themen wie Tod, Liebe, Krankheit, Freunde und Familie künstlerisch Stellung.

Durch die aus Sicht der Älteren ausgewählten Inhalte und Darstellungsformen kann ein anderes Altersbild vermittelt werden. Seniorentheater meldet sich in allen Bereichen des Lebens zu Wort und zeigt, dass stereotype Altersbilder, wie das des einsamen, kranken und hilfsbedürftigen alten Menschen und das des ewig jungen, aktiven, gesunden und wohlsituierten Alten, zu kurz greifen. Alter wird im Theater in seiner Vielfältigkeit dargestellt.

  • Leitungskompetenzen Geduld und Empathie

Viele der SpielleiterInnen sehen in den sogenannten Soft Skills, wie humorvolles und authentisches Auftreten, Einfühlungsvermögen und wertschätzendes Verhalten, wichtige Qualifikationen für die Theaterarbeit mit Älteren. Schaut man sich die Ergebnisse hinsichtlich der Frage „Was sind für Sie die Schlüsselkompetenzen in der Arbeit mit Älteren“ an, wird schnell deutlich, dass es sich um wichtige Prinzipien kulturgeragogischer Arbeit handelt: „Gute Kulturgeragogen zeichnen sich durch eine große Offenheit gegenüber künstlerischen (Lern-)Prozessen aus. Es wird nicht auf ein bestimmtes Ziel hin gearbeitet, sondern Selbstbildungsprozesse in der Auseinandersetzung mit Kunst und Kultur ermöglicht. Das bedeutet auch, dass die Teilnehmenden zu individuellen Wahrnehmungs- und Ausdrucksformen ermutigt werden. Ein Kulturgeragoge greift Impulse der Menschen auf, ist experimentierfreudig und improvisationsfähig.“ (Nebauer/de Groote 2012: 45)

Viele der SpielleiterInnen halten die Berücksichtigung der kulturellen Biografie und Sozialisation der Älteren in ihrer künstlerischen Arbeit für wichtig. Hinzu kommt für einige auch die Rücksichtnahme auf die Besonderheiten des Lernens im Alter. Körperliche und kognitive Einschränkungen müssen je nach Konstitution der Gruppe berücksichtigt werden. Ein breites Hintergrundwissen über biologische, kognitive und psychische Alterungsprozesse ist dabei hilfreich. Viele Spielleitungen betonen, dass man sich von einem defizitären Altersbild verabschieden muss, wenn die Zusammenarbeit auf Augenhöhe erfolgen soll.

  • Neue Angebote für Ältere an kommunalen und freien Theatern

Gab es bis vor kurzem in der Regel nur Kinder- und Jugendtheaterclubs an kommunalen und freien Theaterhäusern, ergibt die Bestandsaufnahme, dass heute 24 Gruppen fest an Stadttheater, Landesbühnen, freie Theater und Soziokulturzentren in Nordrhein-Westfalen angeschlossen sind. Diese unterstützen die am Haus ansässigen Seniorentheater-Ensembles oder Clubs durch personelle, finanzielle und räumliche Ressourcen (durch festangestellte bzw. über Honorar beschäftigte TheaterpädagogInnen, Bühnentechnik, Maske, Bühnenbild, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit). Acht der befragten SpielleiterInnen leiten ihre Gruppe im Rahmen einer Festanstellung an einem kommunalen, landeseigenen oder freien Theaterhaus bzw. als Beschäftigte von Musik- oder Kunstschulen.

  • Seniorentheater ist keine Eintagsfliege: Kontinuität und Verbindlichkeit der Zusammenarbeit

85 Prozent der Seniorentheater arbeiten als auf Kontinuität angelegte Ensembles und nicht als kurzfristige oder einmalige Projekte oder Kursangebote. Die Produktionsphasen sind lang, überwiegend wird eine Produktion pro Saison / Jahr erarbeitet. Es wird regelmäßig, in den meisten Fällen wöchentlich, geprobt. Auch die Bindung der Spielleitung an die Ensembles ist auf Dauer angelegt. 47 der Befragten leiten ihre Gruppe seit der Gründung. Viele von ihnen haben ihre Gruppe selbst ins Leben gerufen und engagieren sich dementsprechend für ihren Bestand. 38 Spielleitungen leiten ihre Gruppe seit mindestens fünf Jahren. Dieses langfristige Engagement und die dadurch entstandene Kontinuität der Zusammenarbeit ist ein Indiz dafür, dass es in Seniorentheatergruppen eine hohe Bindung zwischen Spielleitung und Gruppe gibt.

  • Seniorentheater braucht finanzielle Unterstützung

Die Mehrzahl der Seniorentheatergruppen schöpft aus mehreren Finanzquellen: Über die Hälfte der Gruppen finanziert sich durch Teilnehmer- und Mitgliedsbeiträge, sie tragen damit zum großen Teil ihre Arbeit selbst. Gut ein Drittel gibt an, Spenden und weitere Sponsoringmittel einzuwerben. 28 Gruppen erhalten projektweise öffentliche Fördermittel oder werden durch Institutionen unterstützt, die öffentlich gefördert sind. Die Unterstützung erfolgt in den meisten Fällen in Form der Bereitstellung von Personal- und Raumressourcen bzw. von Honorarmitteln. Die Vielfalt der Finanzierungsmodelle darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass den Gruppen in der Regel nur sehr wenige bzw. nicht ausreichende Finanzmittel zur Verfügung stehen. Nur 13 Seniorentheatergruppen geben an, regelmäßig Förderungen zu erhalten, davon sieben als Teil des theaterpädagogischen Angebots eines kommunalen oder freien Theaters, einer Landesbühne oder einer Jugendkunstschule.

  • Seniorentheater wirkt vor Ort und in die Social Community

Seniorentheater wird an vielen Orten produziert und gespielt. Geprobt wird in Theaterräumen, Schulen, Volkshochschulen, Musikschulen, Seniorenheimen, Alten-WGs, Mehrgenerationenhäusern, Nachbarschaftsheimen oder auch auf Dachböden. Aufführungsorte sind traditionelle Räume wie Stadttheater, Kulturzentren und Kleinkunstbühnen, aber auch Räume des alltäglichen Lebens wie Kneipen, Bekleidungsgeschäfte und Campingplätze werden bespielt. Der Wirkungskreis der Seniorentheatergruppen ist sehr unterschiedlich. Die meisten geben an, dass sie lokal und regional agieren, wenige Ensembles sind bundesweit und sogar international aktiv. In der vielseitigen Seniorentheaterlandschaft zeigt sich eine besondere Stärke in der lokalen und regionalen Verbundenheit zwischen Spielenden und Publikum. Die festen Theater sind nicht der einzige Ort, an dem engagiertes Theater mit Älteren entsteht. Seniorentheater ist zu einem großen Teil dezentral, weil einige Gruppen keine feste Spielstätte haben und deswegen zu Gast auf unterschiedlichen Bühnen sind, beispielsweise in Schulen, Seniorenheimen, Begegnungszentren und auf Stadtfesten etc. Das heißt, in vielen Fällen kommt das Theater zum Publikum.

Pro Jahr werden insgesamt über 500 Aufführungen auf die Bühne gebracht, die von rund 40.000 Zuschauern besucht werden. Die durchschnittliche Auslastung der Vorstellungen liegt bei 75 Prozent. Das Publikum besteht überwiegend aus der Social Community: Familie, Freunde, Bekannte und Menschen aus dem Quartier.

Ausblick

Die Ergebnisse der Befragung zeigen, Theaterspielen im Alter ist „ein ganzheitliches Instrument lebensbegleitender Kultureller Bildung.“ (Ostertag 2014:13) Um für dieses wichtige Feld der Kulturellen Bildung im Alter auch langfristig Produktionsmöglichkeiten, Strukturen und Ressourcen zu schaffen und zu sichern, brauchen das Seniorentheater und seine ästhetische wie soziale Qualität (kulturpolitische) Anerkennung, Wertschätzung und Aufmerksamkeit.

Vor allem sind ein Umdenken und ein anderer Blick auf das Seniorentheater sowie eine Überprüfung des Altersbildes notwendig, um das Seniorentheater in seiner Vielfältigkeit darzustellen. Damit Sinn und Zweck der theatergeragogischen Arbeit nicht weiterhin allein im Sozialen oder Therapeutischen gesehen werden, ist das „Sichtbar-Machen“ und die Anerkennung des Künstlerisch-Ästhetischen der Theaterpraxis mit Älteren so zentral. Caroline Kühnl schreibt in ihrer Erhebung: „Seniorentheater ist schon lange nicht mehr ein Beschäftigungsangebot für einsame, überflüssig gewordene Alte, sondern ein Beitrag, den Senioren leisten, Kultur zu gestalten  –  für sich und für andere.“ (Kühnl 2006:15)

Die öffentlichen Theater sollten zu Orten für alle werden und noch stärker als bisher dem Senioren- und Generationentheater Räume und Unterstützung geben. Für jedes Alter gibt es spezifische Themen- und Erfahrungshorizonte, die eine gemeinsame Basis für künstlerische Arbeiten darstellen können. Aber Austausch und Selbstvergewisserung einer Gruppe kann auch zwischen den Generationen stattfinden. Seniorentheater müssen raus aus ihrem „Biotop“ und der Abgrenzung, so die Forderung von Thomas Lang (vgl. Lang 2006:154). Sie müssen noch mehr an der kulturellen Öffentlichkeit, am Kontakt mit anderen Generationen, am innovativen Spiel und an der eigenständigen Gestaltung von Erlebnisräumen beteiligt werden, sonst droht das Seniorentheater zu einer Insel zu werden.

Denn das nicht-professionelle und auf freiwilliger Basis beruhende Seniorentheater, das seine Anliegen sowie soziale und politische Themen zum Ausdruck bringt, leistet einen wichtigen Beitrag zu einer Demokratisierung künstlerisch-kulturellen Lebens. „Altentheater kann somit unabhängig von den Anliegen der Spielleiterinnen und Spielleiter, seien sie eher altruistisch oder an künstlerischer Selbstverwirklichung orientiert, als zivilgesellschaftliches Engagement bezeichnet werden.“ (Karl 2007:157) Die These Ute Karls, dass Seniorentheater mehr ist als eine Form „aktiven Alterns“ und gerade deshalb auch als eine Form „zivilgesellschaftlichen Engagements“ anerkannt werden sollte, wird durch die Ergebnisse der Bestandsaufnahme bestätigt (vgl. Karl 2007:143).

Die Vielfalt des Seniorentheaters in Nordrhein-Westfalen zeigt, dass Theater im Alter nicht nur etwas für „junge“ und „aktive“ Alte ist und keinesfalls einem Klischeebild vom Alter entspricht. Theaterspielen erweist sich darüber hinaus als ein wirkungsvolles Medium, um vulnerablen Gruppen wie Menschen, die von einer Demenz betroffen sind, ältere Menschen mit Behinderung oder Menschen aus der ersten Einwanderergeneration, die bei uns alt geworden sind, kulturelle Teilhabe und künstlerischen Ausdruck zu ermöglichen. Die große Spielwut im Herbst des Lebens bereichert in Nordrhein-Westfalen an vielen Orten und in vielfältigster Form das kulturelle Leben.

Die komplette Bestandsaufnahme Seniorentheater in Nordrhein-Westfalen finden Sie im Anhang dieses Beitrages oder auf www.ibk-kubia.de/Bestandsaufnahme

Verwendete Literatur

  • Generali Zukunftsfonds (Hrsg.)/Institut für Demoskopie Allensbach (2012):
    Generali Altersstudie 2013. Wie ältere Menschen leben, denken und sich engagieren. Bonn 2013: Bundeszentrale für politische Bildung.
  • Cicholas, Ulrich/Ströker, Kerstin (2012):
    Vorausberechnung der Bevölkerung in kreisfreien Städten und Kreisen Nordrhein-Westfalens 2011 bis 2030/50. Statistische Analyse und Studien, Band 72, hrsg. von Information und Technik Nordrhein-Westfalen. Düsseldorf.
  • Karl, Ute (2012):
    Theater mit alten Menschen. In: Nix, Christoph/Sachser, Dietmar/ Streisand, Susanne (Hrsg.): Lektionen 5. Theaterpädagogik (216-221). Berlin: Theater der Zeit.
  • Karl, Ute (2007):
    Altentheater: ein Beitrag zur Zivilgesellschaft? In: Aner, Kirsten/Fred, Karl/Rosenmayr, Leopold: Die neuen Alten – Retter des Sozialen? (143-162). Wiesbaden: VS.
  • Karl, Ute (2005):
    Zwischen/Räume. Eine empirisch-bildungstheoretische Studie zur ästhetischen und psychosozialen Praxis des Altentheaters. Münster: LIT.
  • Keuchel, Susanne/Wiesand, Andreas J. (2008):
    Das KulturBarometer 50+: „Zwischen Bach und Blues...“: Ergebnisse einer Bevölkerungsumfrage. Köln: ARCult Media.
  • Kühnl, Caroline (2006):
    Neue Wege im Seniorentheater oder Warum nicht Kaffeeklatsch? Hypothesen und Kommentare zur Fragebogenaktion am Projekttag der Seniorentheaterkonferenz NRW 2005. Unveröffentlichtes Manuskript.
  • Lang, Thomas (2006):
    Alte Meister – Theater von und mit älteren Menschen. In: Ermert, Karl/Lang, Thomas (Hrsg.): Alte Meister. Über Rolle und Ort Älterer in Kultur und kultureller Bildung (150-157). Wolfenbüttel: kopaed.
  • Nebauer, Flavia/Groote, Kim de (2012):
    Auf Flügeln der Kunst. Ein Handbuch zur künstlerisch-kulturellen Praxis mit Menschen mit Demenz. München: kopaed.
  • Ostertag, Irene (2014):
    Mehr als ein Spiel mit der Biografie. Strukturen, Themen und Tendenzen im Theater mit Älteren. In: Kulturräume+. Das kubia-Magazin. 4. Jg., Heft 6 (13-17). Remscheid: IBK.
  • Skorupa, Magdalena (2014):
    Die große Spielwut im Herbst des Lebens. Ergebnisse einer Bestandsaufnahme zum Seniorentheater in Nordrhein-Westfalen. Hrsg. vom Institut für Bildung und Kultur, Remscheid.
  • Spaniel, Matthias (2014):
    Seniorentheater in Thüringen 2013. Eine qualitativ-empirische Bestandsaufnahme. Herausgegeben von der LAG Spiel und Theater Thüringen e.V.
  • Bund Deutscher Amateurtheater (Hrsg.) (2013):
    Spiel und Bühne. Fach- und Verbandszeitschrift Bund Deutscher Amateurtheater e.V., 40. Jg., Ausgabe 4/2013: Titelthema Seniorentheater. Berlin.