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Ethik und Ästhetik

von Dagmar Fenner  Erscheinungsjahr: 2013 / 2012

Die beiden Perspektiven der Ethik und der Ästhetik

In der Philosophie ist das Verhältnis von Ethik und Ästhetik seit Platon Thema. Um dieses Verhältnis näher beleuchten zu können, sind zunächst die beiden Begriffe „Ethik“ und „Ästhetik“ zu klären: „Ethik“ geht zurück auf das griechische „ethos“: „Sitte, Brauch, Charakter“ und wurde bereits in der Antike von Aristoteles als Bezeichnung für eine bestimmte Art des philosophischen Denkens verwendet. Ethik ist die philosophische Disziplin, die allgemeine Prinzipien oder Beurteilungskriterien zur Bestimmung des richtigen menschlichen Handelns zu begründen sucht (vgl. Fenner 2008:5f.). Die Grundfrage der Ethik lautet entsprechend: „Wie soll ich handeln?“ Man kann sich diese Frage entweder mit Blick auf die persönlichen Bedürfnisse, Wünsche und Interessen (Individual­- oder Strebensethik) oder aber hinsichtlich des Wohlergehens der vom Handeln Betroffenen (Sozial­- oder Sollensethik) stellen. Ziele der Ethik sind sowohl das Glück und gute Leben der Individuen als auch das gerechte Zusammen­leben. Ethik lässt sich daher auch als Theorie des guten und gerechten Handelns definieren.

Anders als die Ethik wurde die Ästhetik viel später, nämlich erst im 18. Jh. von Alexander Gottlieb Baumgarten als eine eigenständige philosophische Disziplin begründet. Das Wort „Ästhetik“ stammt vom griechischen Wort „aisthesis“ ab, das so viel meint wie „sinnliche Wahrnehmung, Sinn, Erkenntnis“. Baumgarten definierte die Ästhetik entsprechend als „Wissenschaft der sinnlichen Erkenntnis“ (§1). Bis heute plädieren viele PhilosophInnen für einen solchen weiten Begriff von Ästhetik und lehnen die heute übliche Verengung der Ästhetik auf das Schöne und die Kunst ab. Statt sich nur mit schönen Erscheinungen aus­einander zu setzen, beschäftige sich die Ästhetik mit allen Arten von Wahrnehmungen (vgl. Welsch 1960:9f.). Ihr Ziel sei dabei nicht begriffliche Erkenntnis, sondern die Verfeinerung und Erweiterung der sinnlichen Aneignung der Wirklichkeit, damit das sinnlich Erscheinende in seiner ganzen Reichhaltigkeit erfahren werde (vgl. Waibl 2009:14f.). Zum Leitbegriff gegen­wärtiger Ästhetik avancierte die „Ästhetische Erfahrung“ (vgl. Bubner 1989; Düwell 1999). Gemeint ist damit eine sinnengeleitete Erfahrung, bei der die Aufmerksamkeit den vielfältigen sinnlichen Qualitäten von wahrgenommenen Erscheinungen gewidmet wird und die folgende Charakteristika aufweist (vgl. dazu Düwell 1999:64; Fenner 2000:22f.):
1. Selbstzwecklichkeit und Vollzugsorientiertheit,
2. Reflexivität und das spielerische Experimentieren mit neuen Perspektiven auf die Wirklichkeit und
3. ästhetischen Genuss bzw. ästhetisches Wohlgefallen.

Typisch für die ästhetische Einstellung zur Wirklichkeit ist also erstens die Herauslösung des Subjekts aus dem unmittelbaren Eingebundensein in die alltägliche Lebenswelt mit subjektiven Bedürfnissen und Interessen und äußeren Erwartungshaltungen zugunsten der totalen Hingabe an die ästhetische Praxis um ihrer selbst willen, frei von äußeren Zwecken wie Welterkenntnis oder richtiges Handeln.

Das reflexive Moment der ästhetischen Erfahrung macht zweitens das eigene Verhältnis zur Welt bewusst und eröffnet neue Möglichkeiten der Weltsicht (vgl. Düwell 1999:93). Das ästhetische Wohlgefallen wird drittens nicht wie ein rein sinnlicher Genuss unmittelbar durch angenehme Sinnesreizungen wie etwa beim Verzehr einer leckeren Speise ausgelöst, sondern erfordert eine Auseinandersetzung mit der Form des Wahrgenommenen mittels der Fantasie und des Denkvermögens.

Ästhetik ist zwar mehr als „Theorie der Kunst“, weil ästhetische Einstellungen nicht nur durch Kunstwerke, sondern auch durch außerkünstlerische Objekte der Natur oder des Alltags angestoßen werden können. Gleichwohl steht bei den meisten philosophischen Reflexionen zum Verhältnis von Ästhetik und Ethik die Kunst im Vordergrund. Genau genommen fragt man dabei nicht nach den Beziehungen zwischen den beiden philosophischen Disziplinen, sondern vielmehr nach dem Zusammenhang zwischen ihren beiden Gegenstandsbereichen: Leistet die ästhetische Erfahrung einen Beitrag zu einem persönlichen guten Leben oder einem gerechten Zusammenleben? Kann die Auseinandersetzung mit Kunst uns zum richtigen Handeln anleiten? Diese Fragen haben sich Philosophen bereits in der Antike gestellt, bevor also die Ästhetik als eigenständige Disziplin etabliert wurde. Es kann im Folgenden nur eine Auswahl der wichtigsten Antworten vorgestellt werden, die auch mit Blick auf die Kulturelle Bildung von Interesse sind.

Platon: Kunst im Idealstaat

Auf der einen Seite hat Platon beim Entwurf seines „Idealstaates“ im 4. Jh. v. Chr. die Künstler verbannt, weil sie nicht die Wahrheit sagen und die Seelen der Zuschauer verderben: Statt dass sie die Urbilder oder Ideen der Dinge erkennen, würden sie in ihren Gedichten oder auf Bildern nur das oberflächlich sinnlich Wahrnehmbare äußerlich abbilden (vgl. Platon 1991:596a-­599b). Die illusionistischen Künstler seiner Zeit sprächen nur die Sinnlichkeit der Rezipienten an und zerstörten durch die Darstellung unüberlegter und leidenschaftlicher Handlungen sogar deren Vernunft (vgl. ebd.:604e-­606d). Auf der anderen Seite gesteht Platon der Kunst jedoch sogar einen erzieherischen Charakter zu, sofern sie nur bestimmten ontologischen und ethischen Kriterien genüge. Unter einer strengen Zensur sollen daher diejenigen Künstler im Idealstaat tätig sein dürfen, die edle und anständige Charaktere darstellen und die Gerechtigkeit loben (vgl. ebd.:401c f.). In der musischen Erziehung werden nur gewisse ausgewählte Tonarten zugelassen, die in den Heranwachsenden Tugenden, d.h. ethische Charakterhaltungen wie Tapferkeit oder Besonnenheit herausbilden
(vgl. ebd.:399a ff.).

Angesichts der Vielfalt der Einflussfaktoren auf die Charakterbildung lässt sich allerdings empirisch schwer belegen, dass Musik tatsächlich nicht nur die Gefühlslage eines Menschen beeinflusst, sondern sogar seinen Charakter verbessern kann (vgl. Rinderle 2011:149ff.). Grundsätzlich widerspricht Platons Entwurf einer Verstaatlichung und Instrumentalisierung der Kunst für ethische Zwecke natürlich unseren neuzeitlichen Vorstellungen von einer autonomen Kunst (siehe Max Fuchs „Kunstfreiheit und Kunstautonomie – Facetten einer komplexen Leitformel“).

Aristoteles: Katharsis durch Kunst

Wie sein Lehrer Platon hat auch Aristoteles die ethische und pädagogische Bedeutung von Musik, Tanz und Drama hervorgehoben und besonders geeignete Tonarten, Rhythmen und Instrumente benannt (Aristoteles 1991:1340b,40-­1341b,10). Seine berühmt gewordene Katharsis­-Theorie hat er primär auf der Grundlage seiner Beobachtungen bei den Aufführungen griechischer Musikdramen entwickelt: Enthusiastische, leidenschaftliche Musik könne in den Zuschauern heftige Affekte wie beispielsweise Jammer und Schrecken hervorrufen, von denen sich diese aber, nachdem sie ihnen während der Dauer des Spiels freien Lauf ließen, wie nach einer Entladung gereinigt fühlten (vgl. ebd.:1342a,5­-17). In seiner Poetik­-Abhandlung erläutert Aristoteles die optimalen Erfüllungsbedingungen der Katharsis bei Tragödienaufführungen wie eine bestimmte Charakterdisposition des tragischen Helden und wichtige Wendepunkte im Handlungsverlauf (vgl. Aristoteles 1993:Kap.11­-16).

Leider wurde die Katharsistheorie des Aristoteles bis heute nur unzulänglich erforscht (vgl. Scheff 1983:31ff.). Empirisch untersucht und als falsch verworfen wurde sie nur in ab­gewandelter Form der „Aggressionskatharsis“: Vorhandene Aggressionspotentiale scheinen beim Anschauen medialer Gewaltdarstellungen nicht verringert, sondern eher gesteigert zu werden (vgl. Zumkley 1978:85f.). Näher am aristotelischen Katharsiskonzept sind die an Sigmund Freuds „kathartische Methode“ anknüpfenden Therapiekonzepte, bei denen durch das Wiedererleben verdrängter Gefühle in einem ruhigen und sicheren Kontext eine innere emotionale Spannung abgebaut werden soll (vgl. Scheff 1983:24ff.). Allgemein berufen sich auf die aristotelische Katharsis künstlerische Therapien, bei denen durch ästhetische Praxis Emotionen geweckt werden, die dank der künstlerischen Gestaltung aus Distanz betrachtet, anerkannt und bearbeitet werden können (vgl. Heimes 2010:40).

Friedrich Schiller: Ästhetische Erziehung

Anlässlich der Enttäuschung über das Scheitern der Französischen Revolution verfasste Friedrich Schiller die Abhandlung „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“ (1795). Sie hebt mit der Zeitdiagnose an, die Menschen seien noch nicht bereit für die hehren revolutio­nären Ziele Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit und einen „moralischen Staat“ (vgl. Schiller 1991:2.1/3.2/7.1). Sie benötigten erst einmal eine ästhetische Erziehung, weil die Menschen nur durch den Umgang mit schöner Kunst zur Freiheit und zu einem vernünftigen Handeln gemäss ihren moralischen Einsichten befähigt würden (vgl. 2.5/3.5). Das harmonische Gleich­gewicht von Materie und Form, Sinnlichkeit und Geistigkeit in schönen Kunstwerken soll die Menschen gleichsam dazu auffordern, sich im ästhetischen Zustand des „Spiels“ ebenfalls in eine solche Ganzheit zu verwandeln (vgl. 16.1/18 und Waibl 2009:153f.). Dieser ästhetische Zustand bedeute nicht nur individualethisch gesehen das größte Glück der Menschen (vgl. 27.2), sondern ermögliche die sozialethisch wünschbare Umsetzung der humanistischen Ziele in der Praxis (vgl. 8.7).

Da die Einsicht in die Moralprinzipien dabei vorausgesetzt wird, wäre die ästhetische Erziehung wohl nur als Ergänzung zu einer rationalen moralischen Erziehung sinnvoll. Wie die Kunst den Menschen nicht nur aus dem unmittelbaren Verhaftetsein ans materielle Dasein befreien, sondern die Blockade bei der Realisierung der moralischen Vernunftprinzipien lösen kann, scheint mir allerdings fraglich zu sein. Aus eigener Erfahrung und Beobachtung lässt sich jedenfalls nicht bestätigen, dass Menschen dank des höchst beglückenden ästhetischen Zustands völliger Unbestimmtheit und Freiheit verstärkt zu moralischem oder politischem Engagement motiviert wären. Am Ende der Schrift wird denn auch der „ästhetische Staat“ als vermeintliche Durchgangsstufe zum „moralischen Staat“ als Endzweck verklärt, sodass sich die Erziehung durch Kunst als Erziehung zur Kunst entpuppt (vgl. Gethmann-­Siefert 1995:174). Gleichzeitig erkennt Schiller den utopischen Charakter eines solchen „ästheti­schen Staates“, weil er sich nur in auserlesenen Künstlergemeinschaften realisieren lasse (vgl. 27.11). Das ethische Ideal von Freiheit und Gleichheit für alle Menschen ist damit in weite Ferne gerückt.

Michel Foucault/Wilhelm Schmid: Ethik der Lebenskunst

Die Hochkonjunktur der Ethik der Lebenskunst im 20. Jh. verdankt sich einer Renaissance der Strebensethik nach einer langen Vorherrschaft der Sollensethik innerhalb der neuzeitlichen Ethik. Michel Foucault versteht sein Programm einer „Ästhetik der Existenz“ als Antwort auf das Verschwinden der traditionellen Vorstellung einer Moral als Gehorsam gegenüber einem Regelkodex (vgl. Foucault 1985:136). Infolgedessen müsse man sich vermehrt sich selbst zuwenden und sich selbst „wie ein Kunstwerk begründen, herstellen und anordnen“ (ebd.:81). Die Menschen sollen „sich selbst zu transformieren, sich in ihrem besonderen Sein zu modifizieren und aus ihrem Leben ein Werk zu machen suchen, das gewisse ästhetische Werte trägt und gewissen Stilkriterien entspricht“ (Foucault 1986:18). Offen bleibt, auf welche ästhetischen Kriterien es dabei ankommt und was es genau bedeutet, sein Leben als Kunstwerk zu gestalten.

Auch der Lebenskunst­-Philosoph Wilhelm Schmid spricht vage von einer „kunstvollen Gestaltung der Existenz“ und erklärt, „schön“ bedeute in der Moderne soviel wie „subjektiv bejahenswert“ (Schmid 1998:166ff.). Wo konkretere Lebenskunst­-Techniken empfohlen werden, scheint es nur noch im weiten Sinn von griechisch „techne“ um Kunst zu gehen. Letztlich beschränkt sich die Analogie zwischen der Arbeit an sich selbst und der Gestaltung eines „guten Lebens“ wohl auf das schöpferische Moment, die Prozesshaftigkeit und das Sich-­Befreien von konventionellen Erwartungshaltungen. Sie appelliert an die Kreativität und die Eigenständigkeit des Einzelnen, damit er seinen eigenen Stil und sein eigenes Gesetz finde. Ethisch problematisch wird die individualethische Lebenskunst da, wo sie zu einer Vernachlässigung oder Abwertung der sozialethischen Belange führt.

Martha Nussbaum/Richard Rorty: Narrative Ethik

Seit den 1980er Jahren sind zahlreiche Publikationen zum Verhältnis von Ethik und Literatur erschienen (vgl. Zimmermann/Salheiser 2006; Mandry 2003). In der Literaturwissenschaft spricht man von einem „ethical turn“, der wesentlich durch PhilosophInnen wie Martha Nuss­baum und Richard Rorty angestoßen wurde. Zur „narrativen Ethik“ kann man alle Reflexionen über die Vermittlung ethischer Einsichten durch die „narrativen Künste“ zählen. Obwohl die „narrativen“, d.h. erzählenden Künste auch die Film­- und Videokunst umfassen, konzentriert man sich meist auf die Literatur. Narrative EthikerInnen gehen davon aus, dass literarische Werke Werte oder ethisch relevante Erfahrungen vermitteln oder sogar zu Einsichten in allge­meine Moralprinzipien verhelfen. Nach Nussbaum und Rorty vermag die Literatur im Gegensatz zu philosophischen Abhandlungen für die Leidensfähigkeit und Verletzlichkeit der Menschen zu sensibilisieren, weil sie neben dem Intellekt auch Fantasie und Gefühl anspricht und sich die LeserInnen so optimal in die dargestellten Figuren hineinversetzen können. Nussbaum schätzt insbesondere die griechischen Tragödien, die menschliche Verwundbarkeit und die Zerbrechlichkeit des Glücks erfahrbar machen (vgl. Nussbaum 1986:2). Aber auch Romane wie die von Charles Dickens oder Henry James seien mit ihrer reichhaltigen dichterischen Sprache und der Förderung von Einbildungskraft und Mitgefühl viel wichtiger für die Lösung zwischen­ menschlicher Konflikte als universelle rationale Prinzipien (vgl. Nussbaum 1985:512ff.).

Rorty hebt hervor, dass Literatur die LeserInnen für die Wahrnehmung von Grausamkeiten und Demütigungen sensibilisiere und damit die Solidarität zwischen den Menschen steigere (vgl. Rorty 1992:281,305f.). Auch wenn die Wahrnehmung von Verletzlichkeit und Hilfsbedürftigkeit anderer Menschen zumindest im Nahbereich unverzichtbar für sozialethisch richtiges Handeln ist, sollten Gefühle meines Erachtens nicht gegen rationale Prinzipien ausgespielt werden. Denn Gefühle können ungerechtfertigt, subjektiv und parteiisch sein, sodass sie einer rationalen Prüfung bedürfen (vgl. Fenner 2008:209f.). Viele moralische Konflikte betreffen ohnehin die Gesellschaft oder öffentliche Institutionen und erfordern allgemeine begründbare Entscheidungen. Zudem können nachweislich auch hochsensible DichterInnen oder KunstliebhaberInnen, wie z.B. gewisse klavierspielende SS­-Leute in der Realität taub sein für den Schmerz ihrer Mitmen­schen (vgl. Düwell 1999:136).

Wolfgang Welsch: Ästhetische Gerechtigkeit

Infolge einer „Ästhetisierung der Lebenswelt“ schwinden in den Augen vieler postmoderner DenkerInnen die Differenzen zwischen Ästhetik und Ethik bzw. ihren jeweiligen Gegenstands­bereichen. Nach Wolfgang Welsch ist die Ethik im Begriff, sich in eine „Subdisziplin der Ästhetik zu verwandeln“ (Welsch 1993:44). Während im individualethischen Bereich die ästhetische Perfektionierung von Körper, Seele und Geist ins Zentrum rücke, sollen in sozialethischer Hinsicht ästhetische Kompetenzen im zwischenmenschlichen Zusammenleben den Verlust moralischer Standards ausgleichen (vgl. ebd.:20f.). Welsch hebt dabei die Bedeutung der Kunsterfahrung hervor, weil die moderne Kunst „geradezu eine Werkstatt und Schule voll­endeter Pluralität“ darstelle (Welsch 1960:69). Im Umgang mit Kunst würde die Sensibilität für abweichende Perspektiven und Widersprüche gesteigert und man könne lernen, sich besser auf Pluralität, Heterogenität und das je Partikulare in der postmodernen Lebenswelt einzulassen (vgl. ebd.:76,16). Statt sich nur mit dem schönen Schein zu beschäftigen, soll die Ästhetik ein ethisch bedeutsames Konzept einer „ästhetischen Gerechtigkeit“ als Gerechtig­keit gegenüber dem Heterogenen entwickeln (vgl. Welsch 1996:133f.). Welsch nennt diesen Schnittbereich von Ästhetik und Ethik „Aisthet/hik“ (ebd.:108). Er statuiert das Ideal eines „ästhetischen Bewusstseins“ mit den Merkmalen Spezifitäts- und Pluralitätsbewusstsein, Wachsamkeit, Aufmerksamkeit gegenüber dem Ausgeschlossenen und Nichtswürdigen, Anerkennungs-­ und Gerechtigkeitstendenz (ebd.:131ff.). Wo es aber beispielsweise um die Verteilung knapper Güter geht, reicht die Aufmerksamkeit gegenüber jedem Einzelnen für gerechtes Handeln nicht aus, weil vielmehr rational begründbare Verteilungskriterien erfor­derlich wären. Welsch gesteht denn auch ein, die Aisthet/hik könne die übliche Ethik nicht ersetzen, sondern sie nur ergänzen (vgl. ebd.:108).

Systematischer Ausblick

Bei Reflexionen über das Verhältnis von Ethik und Ästhetik bzw. ihren Gegenstandsbereichen sollte meines Erachtens grundsätzlich die Autonomie der beiden Perspektiven gewahrt bleiben: In der ethischen Perspektive sind wir in faktische Lebensvollzüge involviert, und es geht um die Begründung des richtigen und verantwortlichen Handelns (vgl. Düwell 1999:11f.,235f.). Aus ästhetischer Perspektive hingegen tritt man aus den alltäglichen Interessenzusammenhängen hinaus, nimmt ein sinnlich-­sinnenhaftes Verhältnis zum Dargebotenen ein und spielt in einem Freiraum der Möglichkeiten mit verschiedenen Welt­- und Selbstsichten. Während man im Alltag z.B. verpflichtet ist, Menschen in Bedrängnis zu helfen, ist im Theater niemand zum Eingreifen in eine Gewaltszene aufgefordert. Der Respekt vor der Autonomie beider Perspektiven verbietet einerseits eine Ästhetisierung der Moral bzw. eine Ästhetisie­rung der Ethik, bei der man die Ästhetik zum Fundament der Ethik erklärt. Josef Früchtl nennt letztere Position eine „fundamentalästhetische Ethik“ und ordnet ihr Lyotard und Welsch zu (vgl. Früchtl 1996:21). Genauso unangemessen ist aber andererseits eine Moralisierung der Kunst, d.h. ihre Indienstnahme für die moralische Besserung der Menschen, wie sie bei Platon und teilweise bei Rorty und Nussbaum zu verzeichnen ist. Als unhaltbar erscheint mir schließlich auch die dritte alternative Position einer „antiästhetischen Ethik“, die jeden Beitrag der Ästhetik zur Ethik leugnet (vgl. ebd.). Denn offenkundig gibt es zahlreiche Bezüge zwischen ästhetischen Phänomenen und dem guten und gerechten menschlichen Handeln. Ohne dass Kunstwerke instrumentalisiert werden, können sie verschiedene direkt oder indirekt ethisch relevante Funktionen übernehmen. Einige sind generelle Funktionen, die in der Struktur ästhetischer Erfahrungen gründen, einige sind lediglich potentielle und können einzelnen konkreten Kunstwerken zukommen oder auch nicht.

In individualethischer Hinsicht wären in erster Linie Entlastung vom Alltagsstress, Entspannung, positive Gefühle des ästhetischen Wohlgefallens und der Freude zu nennen, welche mit der ästhetischen Erfahrung zumeist verbunden sind und zu einem glücklichen Leben beitragen. Die ästhetische Praxis ist nach Martin Seel eine wesentliche Form eines guten Lebens, weil sie im Unterschied zu vielen alltäglichen instrumentellen Tätigkeiten auf­grund ihrer Selbstzweckhaftigkeit in sich selbst lohnenswert ist (vgl. Seel 1996:14f.). Kunst artikuliert zudem Welt­- und Lebenserfahrungen, eröffnet neue Sichtweisen, Lebens­- und Handlungsmöglichkeiten und erweitert somit den Handlungsspielraum (vgl. Seel 1991:44ff.; Wolf 1991:111f.; Düwell 1999:281f.). Die in narrativen Künsten erzählten Lebensgeschichten können Hilfe bieten bei der Identitätsfindung und „Modelle“ für das Leben und Handeln des Menschen bereitstellen (vgl. Haker 1999:166f.; Mieth 2008:40). Eher indirekt kann Kunst das Gelingen des Lebens befördern, indem sie für die Lebensgestaltung wichtige Vermögen wie Wahrnehmen und Erkennen verfeinert oder Fantasie und Kreativität anregt. Ästhetische Praxis kann auch psychohygienische oder therapeutische Wirkungen zeitigen, weil belastende Erfahrungen besser bearbeitet und leichter ertragen werden können, wenn ihnen eine Gestalt gegeben wird (vgl. Heimes 2010:40).

In sozialethischer Hinsicht liefert Seel zufolge die Ästhetik der Moralphilosophie Aufschluss über einen zentralen Bereich moralischer Rücksichtnahme, weil die ästhetische Daseinsweise eine wichtige Grundform menschlichen Lebens darstelle (vgl. Seel 1996:13). Aus meiner Sicht ist allerdings nicht nur der individualethische Stellenwert ästhetischer Praxis neben anderen Möglichkeiten selbstzweckhafter Praxis fraglich, sondern es gibt zweifellos wichtigere Dimen­sionen moralischer Rücksichtnahme, wie z.B. diejenige auf menschliche Grundbedürfnisse. Von der Förderung von Empathie und Solidarität im zwischenmenschlichen Bereich war bereits die Rede. Kunst kann zudem auf moralische Probleme und Konflikte aufmerksam machen und die Konsequenzen des Befolgens oder Verletzens moralischer Normen für die Betroffenen veranschaulichen. Mit der Darstellung von Normenanwendungen in konkreten Einzelfällen werden bestimmte Werthaltungen suggeriert, hinterfragt, oder lediglich Anstöße zu ethischen Überlegungen gegeben. Oft manifestieren Kunstwerke eine wertende Haltung („attitude“) gegenüber dem Handeln der Figuren oder den ihnen zugrunde liegenden Normen und schreiben damit den RezipientInnen gleichsam eine bestimmte „moralische Reaktion“ vor (vgl. Gaut 2007:68; Carroll 1998:136f.). In einem simplen Beispiel wird Gewalt implizit verurteilt, indem eine gewalttätige Figur ein schreckliches Ende nimmt. Anders als in der nicht­-narrativen Ethik werden aber selbst in narrativen Künsten die entsprechenden Normen nicht diskursiv­-argumentativ begründet oder kritisiert. Stattdessen können Kunstwerke die Komplexität einer moralischen Konfliktsituation reduzieren, die ethischen Reflexionen in eine einseitige Richtung lenken oder irrationale Hoffnungen und Ängste wecken. Es wäre daher gefährlich, den Künsten die alleinige ethische Orientierungsmacht zu übertragen und sich im Handeln unmittelbar von literarisch vermittelten Werten oder Normen leiten zu lassen (vgl. Düwell 1999:14f.). Die Kunst und die sie reflektierende Ästhetik können immer nur eine Ergänzung zu einer rationalen Ethik bilden, die sich um eine möglichst umfassende, systematische, argumentative Auseinandersetzung mit strittigen ethischen Fragen bemüht.

Verwendete Literatur

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Anmerkungen

Dieser Text wurde erstmals im Handbuch Kulturelle Bildung (Hrsg. Bockhorst/ Reinwand/ Zacharias, 2012, München: kopaed) veröffentlicht.