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Erinnerungskultur und Denkmalpflege

von Hermann Glaser  Erscheinungsjahr: 2013 / 2012

Der Vorgang der Vergegenwärtigung von Vergangenem bedarf der Impulse. Diese sind oft „endogen“ (innen entstehend, von innen kommend); sie wirken zufällig, sind aber wohl ein Zu­-Fall; wir werden uns nur nicht bewusst, was das Erinnern in Gang gesetzt hat, warum wir aus unserem Gedächtnis etwas „hervorgeholt“ haben. Vielfach sind es auch von außen entste­hende, von außen eindringende, also „exogene“ Reize (Anreize), die Gespeichertes aktivieren. Der Geschmack einer Madeleine (eines Sandplätzchens), in einen Tee eingetaucht, evoziert zum Beispiel bei Marcel Proust in seinem Romanwerk „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ die Bilder der Kindheit, die eine beseligende, von der Schwerkraft des Lebens enthebende Wirkung ausüben. Was aus dem Gedächtnis aufsteigt, hat zwar die naive Direktheit verloren, doch die Qualität nachdenkender Reflexion hinzugewonnen (Proust [1913] 1984:257). Das Wechselspiel von individueller und kollektiver Erinnerung kann sehr unterschiedlich ablaufen, zumal beide Formen des Gedächtnisses auf verschieden wahrgenommenen „Materialien“ (z.B. „Tagesresten“) beruhen.

Musealer Paradigmenwechsel

Die Repräsentanten und Institutionen des kollektiven Gedächtnisses, wenn demokratisch legitimiert und entsprechend akzeptiert, stellen für das individuelle Erinnern Orientierungs­muster bereit; bei autoritärer Anmaßung wird dieses Erinnern gelenkt bzw. manipuliert. Besonders die sogenannten „Agenturen der Gesellschaft“, wie Schule, Universität, Kirche, Verwaltung, Verbände, Parteien etc. beeinflussen in ihrer häufig aus der Tradition abgeleiteten Gewichtigkeit die Art und Weise, wie der Einzelne seine Erlebnisse und Erfahrungen sichtet und zusammenfügt. Eine große Rolle spielen natürlich auch gesellschaftlich bzw. staatlich etablierte Erinnerungsorte wie Archive, Bibliotheken und vor allem Museen (siehe Matthias Henkel „Museen als Orte Kultureller Bildung“).

In den Museen, das war wohl lange die Überzeugung der dort kulturell, vielfach gouver­nemental Tätigen, werde kanonisch präsentiert, was wert sei, erinnert zu werden und als Vorbild zu dienen habe. Die Defizite waren dabei eklatant; im Germanischen Nationalmuseum zum Beispiel wurden die Zeugnisse und Artefakte der Industriekultur, also vorwiegend des Arbeitslebens und der Lebensweisen des 19. und 20. Jh.s, nicht gesammelt, zumindest nicht ausgestellt. Etwa die Arbeiterküche oder das Arbeitszimmer des Unternehmers, der Eisenbahn­Wartesaal dritter oder auch erster Klasse wurden ausgespart; das Fahrrad wie das Automobil, Warenverpackungen wie die ersten Waschmaschinen oder Radios gehörten nicht zu den zu „verehrenden“ Gegenständen, an denen man sich als Vorbildern orientieren sollte. Das waren jedoch die Waffensammlungen, die man sehr dekorativ dargeboten in vielen Museen fand. Tempi passati? Jedenfalls erfolgte nach 1945 eine Entmythologisierung des Orientierungsanspruchs; es war weniger Schwellenangst als despektierliche Ablehnung der museal dekretierten Erinnerungskultur, die Kritiker der Museen von „Erinnerungsdeponien“ sprechen ließen.

Man wird für die meisten Erinnerungsstätten generalisierend sagen können, dass sie nicht lebensverändernd wirken. Was Rainer Maria Rilke beim Anblick eines archaischen Torsos des Apollo empfindet: „Du musst dein Leben ändern“, wird nur im Rahmen freier Wahrnehmung und diskursiver Offenheit, die zu kommunikativer Auseinandersetzung einlädt, erfolgen; das Individuum muss sich gedächtnis­autonom verhalten können, aber stetig anregend­ eindrucksvolle Angebote erhalten.

Erinnerung und Geschichte

Das individuelle Erinnern, bestimmt durch persönliche Erfahrungen, aber auch durch familiale Erzählungen, ist ein Kurzzeitgedächtnis, dessen Eindrücklichkeit nach etwa zwei bis drei Generationen vergeht. Aus memory wird dann history. Historisierung als Ersatz für das Fehlen unmittelbarer persönlicher Erlebnisse und befragbarer Zeitzeugen bringt Relativierung und Distanzierung mit sich; die kulturellen Vermittlungsformen (wie Literatur, Bildende Kunst, Theater) können allerdings solchen Verlust an persönlicher Anschaulichkeit virtuell ausgleichen. Seit Vergangenheit mit Hilfe der Technik reproduzierbar wurde (Buch, Schallplatte, Film, Tonband bis zu den heutigen digitalen Aufzeichnungs-­ und Wiedergabemöglichkeiten) besteht die Chance, history wieder als memory, also im Status unmittelbarer stellvertretender Daseinserfahrung erlebbar zu machen.

Eine besondere kulturpolitische Aufgabe besteht somit darin, der Geschichtsbetrachtung als Entfernung von personaler Betroffenheit diese ihr wieder „anzumuten“, ohne dass deshalb die kognitive Analyse­-Fähigkeit, welche Distanz fordert, beeinträchtigt wird. Zukunft braucht Herkunft: eine solche, von Odo Marquard formulierte Maxime bedarf in der jeweiligen Gegen­wart einer möglichst emphatischen Verstärkung, die vor allem der humanen Entwicklung der Menschheit zugute kommt. In seiner Antrittsvorlesung 1789 als Professor der Geschichte in Jena sieht Friedrich Schiller die derart Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zusammenschließende Form von Erinnerungsarbeit aus dem Studium der Universalgeschichte hervorgehen. „Licht wird sie in Ihrem Verstande und eine wohltätige Begeisterung in Ihrem Herzen entzünden […] Unser menschliches Jahrhundert herbeizuführen, haben sich – ohne es zu wissen oder zu erzielen – alle vorhergehenden Zeitalter angestrengt. Unser sind alle Schätze, welche Fleiß und Genie, Vernunft und Erfahrung im langen Alter der Welt endlich heimgebracht haben. Aus der Geschichte erst werden Sie lernen, einen Wert auf die Güter zu legen, denen Gewohnheit und unangefochtener Besitz so gern unsre Dankbarkeit rauben: kostbare teure Güter, an denen das Blut der Besten und Edelsten klebt, die durch die schwere Arbeit so vieler Generationen haben errungen werden müssen! Und welcher unter Ihnen, bei dem sich ein heller Geist mit einem empfindenden Herzen gattet, könnte dieser hohen Ver­pflichtung eingedenk sein, ohne daß sich ein stiller Wunsch in ihm regte, an das kommende Geschlecht die Schuld zu entrichten, die er dem vergangenen nicht mehr abtragen kann? Ein edles Verlangen muß in uns entglühen, zu dem reichen Vermächtnis von Wahrheit, Sittlichkeit und Freiheit, das wir von der Vorwelt überkamen und reich vermehrt an die Folgewelt wieder abgeben müssen, auch aus unsern Mitteln einen Beitrag zu legen und an dieser unvergäng­lichen Kette, die durch alle Menschengeschlechter sich windet, unser fliehendes Dasein zu befestigen.“ (Schiller 1976:765f.)

Damit das Gedächtnis nicht seine Dynamik und seine Offenheit für Wandlung und Ver­wandlung verliert, sollte es die Fähigkeit zu einer dreifachen Form des „Aufhebens“ besitzen: geübt im Bewahren, Überwinden und damit Höherbringen. In den Briefen „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“ spricht Schiller von der Notwendigkeit des „ästhetischen Nullzu­standes“: gewissermaßen einer Katharsis (Reinigung) des Erinnerungsvermögens, welche die Blockierungen seiner Vieldimensionalität zu beseitigen vermag. Durch die ästhetische Kultur werde es erreicht, dass es dem Menschen wieder möglich werde, aus sich selbst zu machen, was er will; zugleich sei dies die Freiheit, zu sein, was er paradox sein soll. Eben ein menschliches Menschsein via Geschichtskenntnis und ­-erkenntnis (Schiller o.J.:141f.).

Identitäten-Plural

Strukturell gesehen ist gesellschaftlich und politisch motivierte Gedächtniskultur immer in Ge­fahr – im Gegensatz zum pluralen und pluralistischen individuellen Erinnern –, eine gemeinsa­me Identität bewirken zu wollen. Ein liberales, demokratisches, die Würde des Einzelmenschen beachtendes Staatswesen begreift aber Identität als ein vielfältiges Bei­-sich­-selbst­-Sein, als ein Bündel von Identitäten, die nebeneinander bestehen, jedoch zugleich in der Lage sind, sich friedlich im steten Diskurs zu kommunikativem Handeln zusammenzufinden – so wie ein Gewölbe eine große Tragkraft dadurch entwickelt, dass die vielen „fallenden“ Einzelsteine, in ihrer Fliehkraft sich gegenseitig abstützend, miteinander verfugt sind.

Es ist von einer gewissen „höheren Ironie“, dass aufgrund unbedachter Traditionspflege die pluralistisch, zudem föderativ und interkonfessionell geprägte Bundesrepublik in ihrer Nationalhymne eine gegenteilige Gedächtniskultur intoniert. Erinnert wird an ein deutsches Vaterland der Einigkeit, das noch dazu paternalistisch bzw. patriarchalisch dominiert ist. (Schöner wäre übrigens statt „Vater“­- oder „Mutterland“ die Vokabel „Kinderland“.) „Einigkeit und Recht und Freiheit / für das deutsche Vaterland! / Danach laßt uns alle streben / brüderlich mit Herz und Hand! / Einigkeit und Recht und Freiheit / sind des Glückes Unterpfand – / Blüh‘ im Glanze dieses Glückes, / blühe deutsches Vaterland!“

Der regressive Charakter des Liedes liegt in seinen Ursprüngen: Es entstand in der Mitte des 19. Jh.s, als die Deutschen in Abweichung vom Ideal der Kulturnation ihr Heil in der Staats­nation, bald nationalistischer Ausprägung, zu finden glaubten. 1849 sah Franz Grillparzer in einem düster­-visionären Epigramm die fatale Entwicklung voraus: Der Weg der neueren Bildung führe von der Humanität über die Nationalität zur Bestialität.

Aufhebung des Aufgehobenen

Auch wenn kollektive Gedächtniskultur sich vor der Verdrängung des Vergangenen hüten sollte, in einem philosophisch-anthropologischen Sinne kann das Individuum nicht völlig ohne eine gewisse „Vergesslichkeit“ auskommen; denn diese hilft ihm bei der Aufhebung des Aufgehobenen, nämlich beim Wegräumen hindernder Traditionen, was die Hereinnahme anderer wichtigerer und zukunftsträchtigerer „Speicherdaten“ erleichtert. Im Vorwort seines Buches „Lethe. Kunst und Kritik des Vergessens“ meint Harald Weinrich: „In häuslich-­privaten Angelegenheiten ein bißchen vergeßlich zu sein, kann einen ganz sympathischen Eindruck machen. Der Vergeßliche scheint wenigstens kein Pedant zu sein. So macht es vielen Leu­ten nichts aus, sich über ihr hoffnungslos schlechtes Gedächtnis zu beklagen, während dieselben Personen, wie schon La Rochefoucauld bemerkt hat, niemals über ihre schlechte Urteilskraft klagen würden. Neben dem privaten Vergessen hat das Vergessen jedoch auch eine öffentliche Bedeutung, die in extremen Situationen des politischen Lebens einerseits als verordnetes, andererseits als verbotenes Vergessen zum Ausdruck kommen kann. Das verordnete Vergessen äußert sich in rechtlicher Form vor allem als Amnestie, Verjährung und Begnadigung und verbindet sich in diesen Zusammenhängen gerne mit dem (christlichen) Vergeben. Doch hat dieses ‚gnädige Vergessen’ eine unübersteigbare Grenze angesichts solcher Untaten und Verbrechen, die gegen die Menschenrechte gerichtet sind, vor allem in der Form des Genozids und namentlich der Shoah“ (Weinrich 2000:8f.).

Aufgeworfen wird von Weinrich auch die Frage nach den Bedingungen des Erinnerns und Vergessens in der modernen und postmodernen Informationsgesellschaft. „Sind wirklich alle heutigen Gedächtnisprobleme dadurch gelöst, daß wir ihre Lösung an die elektronischen Gedächtnisse unserer Computer mit ihrer fast unbegrenzten Speicherkapazität delegieren können? Leben wir also endlich im Paradies einer authentischen Gedächtniskultur? Das dürfte eine gefährliche Täuschung sein. Gerade wenn wir uns täglich einer Informatik bedienen, die – wirklich oder scheinbar – ‚nichts vergißt’, wird die Frage dringlich, welchen vernünftigen Gebrauch wir heutzutage von der Löschtaste zu machen wissen, eingedenk der sehr klugen Maxime von Edouard Herriot: „Kultur [… ] ist das, was im Menschen verbleibt, wenn er alles vergessen hat“ (ebd.).

Einer sich des Essentiellen erinnernden Gedächtniskultur, mit dem Pendant einer gewis­sen Vergesslichkeit, die übrigens auch für geschichtliche Gerechtigkeit sorgt – sic transit gloria mundi (bei Schiller: „… denn das Gemeine geht klanglos zum Orkus hinab“) –, einer solchen Gedächtniskultur, die sich freilich stets dann, wenn es darauf ankommt, des an sich Vergessenen zu erinnern vermag, stehen Kanonisierungen, welche die Inhalte des Erinnerns in verbindliche Systeme einzuzwängen suchen, entgegen. Die individuelle Gedächtniskultur bleibt vital, wenn sie sich „unter aller Kanone“ (sub omni canone) immer wieder aufgezwun­genen Maßstäben und Richtlinien als „Erinnerungsgeboten“ entzieht und sich der Aleatorik, einem Denken und Erinnern in freiheitlichen Spielräumen, überlässt. Allerdings benötigt Gedächtniskultur gleichermaßen konträr dazu orientierende Grenzziehungen. Zwei Gefahren drohen: das konturlose Chaos und der starr festgelegte Zwang beim Erinnern. Es kann eben nicht beliebig sein, was eine gesellschaftliche Gedächtniskultur dem individuellen Erinnern als besonders erinnerungswert vorschlägt; aber es darf auch die „Beliebigkeit“ des persönli­chen Erinnerns nicht ausgeschaltet werden. „Chaosmos“ wäre der Begriff, der die notwendige Synthesis charakterisiert.

„Gedächtnis und Erinnerung“ haben seit den 1980er Jahren immer mehr an Bedeutung gewonnen, „von den Köpfen in Ost und West Besitz ergriffen“. Nach Jan Assmann ist das kein Zufall, sondern darin begründet, „dass wir eine Epochenschwelle überschreiten, in der min­destens drei Faktoren die Konjunktur des Gedächtnisthemas begründen. Zum einen erleben wir mit den neuen elektronischen Medien externer Speicherung (und damit: des künstlichen Gedächtnisses) eine kulturelle Revolution, die an Bedeutung der Erfindung des Buchdrucks und vorher der Schrift gleichkommt. Zum anderen, und damit zusammenhängend, verbreitet sich gegenüber unserer eigenen kulturellen Tradition eine Haltung der ‚Nach-­Kultur’ (George Steiner), in der etwas Zu-Ende­-Gekommenes – ‚Alteuropa’ nennt es Niklas Luhmann – allenfalls als Gegenstand der Erinnerung und kommentierender Aufarbeitung weiterlebt. Drittens, und hier liegt vielleicht das entscheidende Motiv, kommt gegenwärtig etwas zu Ende, was uns viel persönlicher und existentieller betrifft. Eine Generation von Zeitzeugen der schwers­ten Verbrechen und Katastrophen in den Annalen der Menschheitsgeschichte beginnt nun auszusterben. 40 Jahre markieren eine Epochenschwelle in der kollektiven Erinnerung: wenn die lebendige Erinnerung vom Untergang bedroht und die Formen kultureller Erinnerung zum Problem werden“ (Assmann 2002:11).

Der französische Historiker Henri Rousso, Leiter des Pariser Instituts für Zeitgeschichte, warnt jedoch vor einem inflationären Gerede vom „Gedächtnis“. „Der Ausdruck ist allgegenwär­tig und vieldeutig, er hat das Vokabular der Medien, der Kultur und der Ästhetik durchdrungen. Sobald die nähere oder fernere Vergangenheit in Rede steht, die Geschichte im klassischen Sinne, taucht er fast unvermeidlich auf, so als besitze er magische Kraft, einen Mehrwert an Seele, gleich ob die Reden nun lyrisch oder bloß trivial sind“ (Raulff 1998:41).

Der „weiche“ Begriff des Gedächtnisses habe sich an die Stelle des „harten“ Begriffs der Geschichte und der Schuld gesetzt. „Rousso betont den Unterschied zwischen der Historie, die er als wissenschaftliche Rekonstruktion der Vergangenheit versteht, und der als ‚Gedächtnis’ memorierten Vergangenheit. Bei der Historie geht es um Erkenntnis: ‚Sie entspringt einem Willen zum Wissen, sie hält sich an Verfahren zur Aufstellung von Beweisen, die sich überprüfen und wieder umstoßen lassen.’ Das Gedächtnis dagegen geht auf Identität aus, es berührt Gefühle, ‚es strebt nach einer idealisierten oder diabolisierten Vergangenheit. Es kann die Zeit beliebig zusammenpressen oder ausdehnen.’ Nicht um Erkenntnis geht es dem Gedächtnis, sondern um die Existenz: Während die Geschichte die Vergangenheit auf Distanz rückt und die Unterschiede sichtbar machen will, sucht das Gedächtnis die Vergangenheit in die Gegenwart zu ziehen, Gefühlsbeziehungen anzuknüpfen, die Distanz zu löschen. Die Geschichte, so der Historiker, sei eine Schule der Freiheit, das Gedächtnis eine nicht dem Verstand gehorchende Verbindung“ (Raulff 1998:41).

Denkmale

Gesellschaftliche Gedächtniskultur kann ohne Lokalisierungen nicht auskommen: Topoi, da die Individuen in ihrem Erinnern sich mit der kollektiven, diskursiv zu entwickelnden Erinne­rung verbinden. Das Holocaust-Mahnmal in Berlin ist, bei aller Problematik, von einmaliger Bedeutsamkeit. „Europas politische Monumente stehen seit der Antike in der Tradition sinn­stiftender Heldenverehrung. Die kriegerische Germania oberhalb von Rüdesheim und das Hermannsdenkmal im Teutoburger Wald erinnern an die ersten kulturpolitischen Versuche des Deutschen Reichs nach 1871, künstlerische Allegorien nationaler Gemeinsamkeit zu bauen. Es entstanden patriotisch überladene Ausflugsziele. Ein Zentraldenkmal, das in einer Hauptstadt an die nationale Schande oder ihre Opfer erinnert, hatte es weder in Deutschland noch anderswo gegeben. Ein Verbrechen vom Ausmaß des Holocaust allerdings auch nicht“ (Naumann 2005).

Die wichtigste kulturpolitische Aufgabe ist freilich, über Denkmäler hinaus eine leben­dige Kommunikationslandschaft zu schaffen, und das schließt ein, dass der persönliche dialogische Austausch von Erinnerungen durch gespeicherte „Materialien“ (Bücher, Filme, Aufzeichnungen, Dokumente, Artefakte etc.) genügend Kristallisationspunkte erhält. Damit das die Erinnerung in Gang setzende „Material“ Rezipienten findet, bedarf es der VermittlerIn­nen (z.B. der PädagogInnen); sie dürfen sich nicht durch die weit verbreitete Gedächtnislosigkeit, Ergebnis sowohl kommerzieller, vor allem medialer als auch ideologischer Desensibilisierungs-­Strategien, abschrecken lassen. Eine „schwierige arbeit“:

„ungeduldig

im namen der zufriedenen verzweifeln

geduldig

im namen der verzweifelten

an der verzweiflung zweifeln

ungeduldig geduldig

im namen der unbelehrbaren lehren“

(Enzensberger 1964:58f.)

Verwendete Literatur

  • Assmann, Jan (2002):

    Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen. München: C. H. Beck.

  • Enzensberger, Hans Magnus (1964):

    schwierige arbeit. In: Ders.: blindenschrift (58). Frankfurt/M.: Suhrkamp.

  • Naumann, Michael (2005):
    Ohne Antwort, ohne Trost. In: Die Zeit (4.5.2005), 19/2005: www.zeit.de/2005/19/Mahnmal (letzter Zugriff am 22.09.13)
  • Proust, Marcel (1984):
    Die wiedergefundene Zeit. Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Siebter Teil. Frankfurt/M.: Suhrkamp.
  • Raulff, Ulrich (1998):
    Marktwert der Erinnerung. Ein Historiker bekämpft den aktuellen Gedächtniskult. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung (5.5.1998), Nr 103, 41.
  • Schiller, Friedrich (1976):
    Sämtliche Werke. Hrsg. Fricke, Gerhard von/Göpfert, Herbert G. Band 4. München/Wien: Carl Hanser.
  • Schiller, Friedrich (o.J.):
    Philosophische Schriften und Dichtungen. Berlin: Deutsche Bibliothek.
  • Weinrich, Harald (2000):
    Lethe. Kunst und Kritik des Vergessens. München: C. H. Beck.

Anmerkungen

Dieser Text wurde erstmals im Handbuch Kulturelle Bildung (Hrsg. Bockhorst/ Reinwand/ Zacharias, 2012, München: kopaed) veröffentlicht.