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Bericht von dem Forum THEORIE: „Kulturelle Bildung - Wo fängt sie an, wo hört sie auf?"

von Max Fuchs  Erscheinungsjahr: 2014

Im Mittelpunkt des zweiten Tages standen zwei Diskussionsrunden zu aktuellen Themen der Theorienbildung und der Praxis der kulturellen Bildungsarbeit: Zum einen ging es darum, die Frage zu diskutieren, welche Rolle die Künste in der kulturellen Bildungsarbeit spielen. Provokativ gefragt: Kulturelle Bildung ohne Künste?

In der zweiten Runde ging es um die Frage nach der Rolle der Pädagogik in der Vermittlungsarbeit. Auch hier eine provokative Frage: Kulturelle Bildung ohne Vermittler?

Mit Wolfgang Zacharias und Christian Rittelmeyer hat man zwei renommierte Impulsgeber gewonnen, deren Zugang zur ästhetisch-kulturellen Bildung zunächst einmal nicht identisch ist.

Wolfgang Zacharias stammt aus einer Künstlerfamilie und ist selbst gelernter Kunsterzieher, der jedoch bewusst eine Praxis außerhalb der Schule gesucht hat. Er hat zusammen mit Kolleginnen und Kollegen vor Jahrzehnten die für die neue Kulturpädagogik wichtige Initiative Pädagogische Aktion in München gegründet, die innovative Projekte entwickelt hat, mit denen insbesondere Kinder und Jugendliche angesprochen werden sollten, die nicht von Hause aus einen leichten Zugang zur Kultur mitbringen. Auf die Frage, ob kulturelle Bildungsarbeit die Künste benötigt, antwortete  Zacharias mit einem klaren Ja. Allerdings wies er darauf hin, dass für diese positive Beantwortung der Frage es notwendig ist, nicht bloß einen erweiterten Begriff von Bildung zugrunde zulegen, sondern auch einen erweiterten Begriff von Kunst. Denn Kunst hat sich im Laufe der Jahrhunderte als ausgesprochen dynamischer Begriff entwickelt.

Christian Rittelmeyer, sensibler und fachkundiger Interpret ästhetischer Bildungsprozesse, konzentrierte sich bewusst auf den engeren Bereich einer ästhetisch-künstlerischen Bildung. Im Mittelpunkt seiner Ausführungen stand der Begriff der ästhetischen Erfahrung. Er fragte danach, ob es im Rahmen des Ästhetischen eine Besonderheit der Weltbegegnung gibt, die in keinem anderen Weltverhältnis zu finden ist. Diese Frage beantwortet er mit einem klaren Ja. Er beschrieb eindrücklich, wie unter Einbeziehung des gesamten Leibes der Mensch auf Kunstwerke reagiert und eine besondere Art von Erfahrungen, eben: ästhetische Erfahrungen, macht. Ästhetische Erfahrungen erfassen nicht bloß den ganzen Leib, sondern sie sind auch eine höchst individuelle Angelegenheit, was die Frage nach der Verallgemeinerbarkeit und nach möglichen Transfereffekten so schwierig macht.

So sehr man in der Diskussion die eindrückliche Beschreibung ästhetischer Erfahrungsprozesse in diesem speziellen Feld einer Begegnung mit Kunst akzeptierte, so stellte sich doch die Frage, an welchen Gegenständen man derartige ästhetische Erfahrungen machen kann. Sind es nur die Künste und wenn ja, welche Künste? Lassen sich ästhetische Erfahrungen in dieser Form nur in der Rezeption machen oder welche Rolle spielt eine produktive ästhetische Praxis dabei? Ein weiteres kritisches Problem war die Frage, welche Kinder und Jugendliche überhaupt in der Lage sind, die Gelegenheit zu solchen ästhetischen Erfahrungen zu bekommen. Es stellte sich die Frage der Teilhabe, den Bildungsvoraussetzungen und den sozial-ökonomischen Voraussetzungen für die Ermöglichung einer solchen Erfahrung.

Am Rande wurde dann auch noch die Frage gestellt, welche Rolle hierbei die digitalen Spielkulturen spielen. Diese Frage konnte nicht mehr vertiefend diskutiert werden.

Als Forschungsproblem ergibt sich aus dieser offen gebliebenen Diskussion die Notwendigkeit, exaktere Überlegungen darüber anzustellen, welches der geeignete ästhetische Gegenstand ist, welche Rolle alltagskulturelle Situationen und Prozesse etwa im Vergleich zu etablierten Kunstwerken spielen und wie man sicherstellen kann, dass diese Form ästhetischer Erfahrungen nicht bloß einem kleinen Kreis privilegierter Kinder und Jugendlichen aus bildungsbürgerlichen Familien vorbehalten bleibt.

Der zweite Diskurs behandelt die Frage nach der Rolle der Pädagogik. Die Kuratorin und Dramaturgin Marietta Piekenbrock stellte das no education Programm im Rahmen der Ruhrtriennale vor. In diesem Programm werden Kinder und Jugendliche einbezogen, allerdings nicht als Objekte einer gezielten Kulturvermittlung, sondern als gleichberechtigte Partner im Umgang mit zeitgenössischer Kunst. Kinder können ihre Expertise als Kunstkritiker und als Gestalter von Kunstpräsentationen einbringen. Die beteiligten Künstlerinnen und Künstler verstehen sich gerade nicht als Pädagogen.

Die pädagogische Seite in der Kulturvermittlung vertrat der Kunsterzieher Clemens Höxter. Er wies darauf hin, dass insbesondere in der kulturpolitischen Debatte immer wieder prominente Kulturpolitiker dazu neigen, sich allzu kritisch gegenüber der Schule und gegenüber den künstlerischen Lehrkräften zu äußern. Demgegenüber wies er darauf hin, dass es in der Schule besondere Rahmenbedingungen für eine künstlerische Bildung gibt, die mit der Institution Schule zusammenhängen und die die Gesellschaft offensichtlich so möchte. Er präzisierte die spezifischen  Aufgaben künstlerischer Fächer, die zunächst einmal nicht identisch sind mit den Intentionen bei der Durchführung außerschulischer Kunstprojekte.

In der Diskussion wurde deutlich, dass in dem no education Projekt durchaus handfeste pädagogische Ziele verfolgt werden. Es schien allerdings so zu sein, dass man ein enges Verständnis von Pädagogik hatte (im Sinne einer zielgerichteten linearen Instruktion), so dass es leicht fiel, sich von einer so verstandenen Pädagogik als nicht-pädagogisch abzusetzen. Es war daher daran zu erinnern, dass es – wie es Wolfgang Zacharias in der Diskussionsrunde zuvor ausgeführt hat – in der Praxis der kulturellen Bildungsarbeit ein ganz anderes Verständnis von Bildung und von Pädagogik gibt, das gerade der Fantasie und Kreativität der Kinder und Jugendlichen sehr viele Freiräume lässt und das nichts mit dem engen Verständnis von Pädagogik zu tun hat. Die Frage – so scheint mir – besteht also nicht darin, ob Pädagogik in diesen Künstlerprojekten eine Rolle spielt oder nicht, sondern es geht vielmehr darum, in welcher Weise man seine pädagogischen Ambitionen reflektiert oder nicht reflektiert.

Als Fazit dieser Diskussion machte Clemens Höxter daher den Vorschlag, sehr viel stärker als bisher nach Schnittmengen zwischen den beiden unterschiedlichen Arbeitsansätzen zu suchen. Man kann diese Fragestellung noch fortführen durch die Aufgabe, sehr präzise zu beschreiben, welchen Beitrag die unterschiedlichen Professionalitäten im Bereich der kulturellen Bildungsarbeit leisten können.