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Ausbildung für Vermittlung im Museum

von Andreas Grünewald Steiger  Erscheinungsjahr: 2013 / 2012

Einordnung: Das Museum und seine Pädagogik

Die Frage der Ausbildung für die Museumspädagogik ist seit ihrer ersten modernen Wie­derbegründung in den 1970er Jahren untrennbar mit der Diskussion um die Bezeichnung dieses Tätigkeitsbereiches und damit mit deren inhaltlicher Definition und Abgrenzung zu den anderen museumsspezifischen Bezugswissenschaften verflochten.

Die Wechselwirkung zwischen der Beschreibung der eigentlichen Kernprofession der Mu­seumspädagogik und den Voraussetzungen und Rahmenbedingungen, diese adäquat in einem grundständigen Curriculum zu lehren, führt bis heute zu einem Zustand, der die Museumspä­dagogik als Studienvorkommnis, also als mehr oder weniger relevanten Bestandteil innerhalb anderer museumsbezogener Ausbildungsgänge aufscheinen lässt. Eine eigenständige Aus­bildung Museumspädagogik existiert in Deutschland weder in hochschulischen noch in post­gradualen Zusammenhängen. Diese fehlende Möglichkeit zur theoretisch­-wissenschaftlichen Forschung und Reflexion mit entsprechender Weiterentwicklung museumspädagogischer Theorie in universitären Zusammenhängen führt in der gegenwärtigen Praxis an vielen Stellen zu dem Versuch, sich begrifflich anzupassen oder sich zu positionieren. Der gegenwärtig viel genutzte Begriff der „Vermittlung“, meist unter Bezugnahme auf die Kulturelle Bildung, kann als ein solcher Ansatz verstanden werden, der Museumspädagogik durch nominale Umwidmung eine Neuorientierung in einem Arbeitsfeld zu verschaffen, das sich inhaltlich und strukturell in einem permanenten Wandel befindet (siehe Hannelore Kunz-Ott „Museum und Kulturelle Bildung“).

Die Entwicklung seit 1980

Die Auseinandersetzung um das Für und Wider einer Ausbildung, um ihre Inhalte und Strukturen und ihre Kausalitäten für die Praxis bzw. umgekehrt wurde Mitte der 1980er Jahre öffentlicher und konkreter. Die museumspädagogische Fachzeitschrift „Standbein/Spielbein – Museums­pädagogik aktuell“ erschien 1987 mit dem Schwerpunktthema „Ausbildung“ und fokussierte im Leitartikel die Situation wie folgt: „Auch taucht die Frage auf, ob Professionalisierung und Standar­disierung überhaupt die Ziele sein können. [...] Ist es sinnvoll, angesichts der unterschiedlichen Inhalte und Zielgruppen, eine Ausbildung in Rahmenpläne und Raster zu packen? Die Gefahr ist, dass Entwicklungsmöglichkeiten und Vitalität gekappt werden“ (Westfehling 1987:1).

Dieser Angelpunkt in der Debatte wurde nie aufgelöst, verlagerte sich aber Ende der 1980er Jahre durch verstärkte Aktivitäten im Bereich der berufsbegleitenden Weiterbildungsmög­lichkeiten, wie sie zunächst an der Akademie Brauweiler und später an der Bundesakademie für kulturelle Bildung Wolfenbüttel konzipiert und angeboten wurden. In den 1990er Jahren entwickelte sich die postgraduale Form der Professionalisierung durch deren Aufnahme in die Lehrangebote von Universitäten und Fachhochschulen. Parallel dazu erfolgte eine Diver­sifizierung der Themen – besonders zugunsten von Fragen des Museumsmanagements. Eine Entwicklung, die zur Folge hatte, dass museumspädagogische Inhalte deutlich reduzierter in Erscheinung traten und die Diskussion um eine Ausbildung zugunsten von Fragen zur Positio­nierung und Legitimation der Museumspädagogik in der Organisation in den Hintergrund trat. Etwa um die Mitte des ersten Jahrzehnts des 21. Jh.s erhielt die Museumspädagogik einen deutlichen Auftrieb durch die (kultur)politische Diskussion um den Stellenwert, die Wertigkeit und die Wirkung Kultureller Bildung. In Verbindung damit entstanden die Qualitätskriterien für Bildungs-­ und Vermittlungsarbeit in Museen, die innerhalb der Reihe der „Standards für Museen des Deutschen Museumsbundes“ vom Bundesverband Museumspädagogik formuliert und 2008 herausgegeben wurden.

Die aktuelle Situation

Die Ausweitung der gefragten Fähigkeiten auf sammlungsspezifisches Fachwissen, museo­logisches Hintergrundwissen, pädagogische Kenntnisse sowie spezifische Qualifikationen in Bereichen wie Projektmanagement, Besucherforschung, Personalführung, Öffentlichkeitsarbeit, Marketing, zusätzlich ergänzt durch soziale und kommunikative Kompetenzen, macht es schwer, ein Curriculum zu denken, das diesen Ansprüchen in voller Breite und ohne Qualitätsverlust ge­recht werden könnte. So liegt es nahe, dass der Bundesverband Museumspädagogik in seinen Qualitätskriterien unter dem Stichwort „Ausbildung“ folgende Bedingungen für qualifiziertes Personal benennt und damit zugleich den aktuellen Stand der Diskussion um die Ausbildung für VermittlerInnen im Museum bezeichnet: Zu den Voraussetzungen einer hauptberuflichen Fachkraft gehört „...ein akademischer Abschluss in einem fachwissenschaftlichen, kommunikationswissenschaftlichen, museologischen oder erziehungswissenschaftlichen Fach.“ Und weiter: „Viele der notwendigen Fähigkeiten und Kenntnisse können auch berufsbegleitend erworben werden, die Bereitschaft zur Fort­- und Weiterbildung muss vorhanden sein.“ Dieser Punkt ist, neben anderen genannten Kompetenzen, Bestandteil der „Checkliste Qualifiziertes Personal“ (Deutscher Museumsbund/Bundesverband Museumspädagogik 2008).

Gegenwärtig bestehen an deutschen Lehranstalten eigenständige Professuren für „Museumspädagogik“ an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin im Rahmen des Studienganges „Museumskunde“ (FH) sowie an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur in Leipzig im Rahmen des Studiengangs „Museologie“ (FH). Im September 2011 wurde eine Professur für „Museumspädagogik“ an der Technischen Universität München/School of Education als Extraordinaria besetzt.

Die Professur für „Museumspädagogik“ im Rahmen der Erziehungswissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin wurde 2008 mit der Emeritierung des Stelleninhabers eingestellt.

Ausblick und Perspektiven

Ganz im Sinne des Imperativs, das Museum als „Ort der permanenten Konferenz“ zu verstehen (Beuys 1980), hat sich die Museumspädagogik einem solchen Prozess unterworfen und befin­det sich seit ihren modernen Anfängen in einer andauernden Diskussion um ihre Aufgaben und Zielstellung. Die fehlende curriculare Struktur einer grundständigen Ausbildung wird dabei – je nach Perspektive als Vor­- oder Nachteil gesehen, prägt jedoch in jedem Fall die Perspektiven der zukünftigen Entwicklung des Fachs. Mittelfristig ist abzusehen, dass Flexibilität und Variabilität konstituierend für das Berufsfeld und dessen Qualifizierung bleiben, eine Tendenz, die sich auch in vergleichbaren Entwicklungen in den deutschsprachigen Nachbarländern zeigt. Wesentlich mehr als durch die Ausbildung wird die Qualität der Kulturellen Bildung im Museum in Zukunft durch die Formulierung und Definition von Standards bestimmt werden. Ein erster Schritt in diese Richtung ist von den maßgeblichen Verbänden Österreichs, der Schweiz und Deutschlands mit den Qualitätskriterien für Bildungs­- und Vermittlungsarbeit in Museen bereits gesetzt worden. Die Herausforderung dabei bleibt, die Verbindlichkeit dieser Kriterien in eine Professionalität der Praxis umzusetzen.

Verwendete Literatur

  • Deutscher Museumsbund et al. (Hrsg.) (2008):
    Qualitätskriterien für Museen: Bildungs- und Vermittlungsarbeit. Berlin.
  • Beuys, Joseph (1980):
    Das Museum – ein Ort der permanenten Konferenz. In: Kurnitzky, Horst (Hrsg.): Notizbuch 3. Kunst, Gesellschaft, Museum (56). Berlin: Medusa.
  • Westfehling, Uwe (1987):
    Ausbildung. In: Standbein/Spielbein, Museumspädagogik aktuell, 19/1987,1-3.

Anmerkungen

Dieser Text wurde erstmals im Handbuch Kulturelle Bildung (Hrsg. Bockhorst/ Reinwand/ Zacharias, 2012, München: kopaed) veröffentlicht.