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Ausbildung im Tanz für Kulturelle Bildung

von Antje Klinge  Erscheinungsjahr: 2013 / 2012

Ein Auslöser der angestiegenen Nachfrage nach Tanz für Kinder und Jugendliche in schulischen wie außerschulischen Bildungseinrichtungen war vermutlich der Kinofilm „Rhythm is it!“ aus dem Jahr 2004. Der damit aufgekommene Tanzboom betraf die Ausbildungsorte, in denen Tanz und Tanzpädagogik angeboten wurden, unmittelbar. Sie mussten sich sowohl auf die große Nachfrage als auch neue Qualitätsansprüche einstellen. Konzentrierte sich bislang das Angebot krea­tiver Tanzerziehung auf die außerschulische kulturelle Kinder-­ und Jugendbildung, erweiterte es sich nun – dem Vorbild sogenannter Educational Projekte folgend – auf Regelschulen (siehe Marie Beyeler/Livia Patrizi unter Mitarbeit von Jovana Foik „Tanz – Schule – Bildung. Überlegungen auf der Erfahrungsgrundlage eines Berliner Tanz-­in-­Schulen­Projekts“). Professionell ausgebildete TänzerInnen (Bühnentanz) sowie diplomierte TanzpädagogInnen gab es zwar, von einer professionellen Ausbildung, die die Belange kultureller Bildungsarbeit in den verschiedenen Bildungsorten (Jugendkunstschule, Jugendhilfeeinrichtungen, Vereine und Schulen) sowie die Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen thematisiert und Tanz als ästhetisches Medium indi­vidueller Entwicklungsförderung und Gestaltungsfähigkeit betrachtet, konnte allerdings nicht die Rede sein. So war für viele Ausbildungsstätten die steigende Nachfrage ein willkommener und notwendiger Anlass, über Inhalte, Zielperspektiven von Tanz in der Kulturellen Bildung und vor allem über Qualitätsansprüche von TanzvermittlerInnen nachzudenken und Konzepte wie Profile für eine beginnende bzw. fortführende Professionalisierung vorzulegen (siehe Claudia Fleischle­-Braun „Tanz und Kulturelle Bildung“).

Akademische Ausbildungen

Derzeitig werden an staatlichen Hochschulen Qualifizierungen vorgenommen, die Tanz­pädagogik bzw. Tanzvermittlung für Kinder und Jugendliche im schulischen wie außer­schulischen Bereich in ihr Studienprogramm aufgenommen haben. Je nach Ausrichtung und Schwerpunkt der Hochschule werden dabei unterschiedliche Abschlüsse vergeben. Grundlage der hier zusammen getragenen Informationen sind die Ergebnisse einer Umfrage von Tanzplan Deutschland zu den tanzpädagogischen Qualifikationsmaßnahmen in staat­lichen Ausbildungsinstitutionen, Hochschulen und Berufsfachschulen. An der Akademie des Tanzes in der Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Mannheim existiert der Bachelor-­Studiengang „Kindertanzpädagogik“ sowie an der Palucca Schule Dresden der Bachelor­-Studiengang „Tanzpädagogik“. Die Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt am Main hat seit 2006 den Master-­Studiengang „Zeitgenössische Tanzpädagogik“ eingerichtet, der sich allerdings verstärkt an professionelle TänzerInnen wendet. Das gleiche gilt für den Master­-Studiengang „Tanzpädagogik“ an der Folkwang-Universität der Künste in Essen. In Kooperation mit der Deutschen Sporthochschule (DSHS) Köln, die seit den 1960er Jahren einen künstlerisch­-pädagogischen Schwerpunkt Tanz verfolgt, bietet das Zentrum für Zeitgenössischen Tanz an der Hochschule für Musik und Tanz in Köln (HfMT) seit dem WS 2010/11 das Modul „Tanz in Schulen“ an. Ein ähnliches Angebot macht die Universität Hamburg im Fachbereich Bewegungswissenschaft, mit dem Modul „Choreografieren mit SchülerInnen“, das in die Lehrerausbildung im Bachelor-­Studium integriert ist. Schließlich gibt es an der Universität Konstanz im Rahmen des Bachelor­-Studiums Sportwissenschaft den Studienschwerpunkt „Tanzpädagogik“.

Fort- und Weiterbildungen

Ein großer Teil tanzpädagogischer Qualifizierungsmaßnahmen ist im Bereich berufsbeglei­tender Fort- und Weiterbildungen für Tanz in der Kulturellen Bildung zu finden. Dabei sind die Angebote so vielfältig wie ihre Anbieter, was den Professionalisierungsgrad tanzpädagogi­scher Aus-­ oder Weiterbildung in Deutschland verwässert. Um einem Wildwuchs begegnen zu können, hat der Beirat Tanz der Sektion „Rat für Darstellende Kunst und Tanz“ 2007 im Deutschen Kulturrat Richtlinien vorgelegt, die die Mindestkompetenzen und Grundkenntnisse von TanzpädagogInnen beschreiben (vgl. Beirat Tanz 2007). Zur gleichen Zeit hat der neu gegründete Bundesverband Tanz in Schulen fachliche Empfehlungen zur Umsetzung, Quali­tätsentwicklung und -sicherung von Tanz in Schulen vorlegt, die das Bemühen qualifizierter und professioneller Aus-­ und Weiterbildung in der Tanzvermittlung deutlich machen.

Je nach Profil der Hochschule, Schule bzw. Ausbildungsort werden unterschiedliche Voraussetzungen von den Studierenden bzw. Lernenden erwartet. So richten sich die meisten staatlichen Institutionen an professionelle TänzerInnen. Nur wenige setzen Schwerpunkte im Bereich der Kulturvermittlung und Kulturellen Bildung (z.B. Hamburg, HfMT und DSHS Köln, lanciert vom Tanzplan Deutschland 2008 sowie der Bundesverband Tanz in Schulen). Dementsprechend unterscheidet sich das jeweilige Verständnis von Tanzvermittlung von Institution zu Institution. Während einige einen eher klassischen Begriff von Vermittlung im Sinne von Einübung in und Erwerb von Tanztechniken zugrunde legen, verstehen wiederum andere Tanzvermittlung als eigenständigen Bildungsbereich, der den Gegenstand Tanz – vor allem in seiner zeitgenössischen Ausrichtung – als ästhetisches Medium Kultureller Bildung auslegt (vgl. Klinge 2002, 2010, 2011).

Da es keine einheitlichen Vorstellungen, Erwartungen und Qualitätsansprüche an profes­sionelle VermittlerInnen und Anbieter von Tanz im Bereich der Kulturellen Bildung gibt, fallen die jeweiligen Aus-­ und Fortbildungsangebote unterschiedlich aus. Diese Vielfalt unterstützt zwar die Möglichkeit, persönliche und berufsbiografische Profilbildungen zu entwickeln bzw. zu vertiefen, sie fördert aber auch die Gefahr einer beliebigen, je nach Schule und Tradition verpflichteten pädagogischen Orientierung. Eine im Sinne der Professionalisierung notwendige Standardisierung von Zielperspektiven und Ausbildungselementen ist bisher nicht vorgenom­men worden. Dies wohl auch aufgrund der Tatsache, dass es keine rechtlichen Regelungen zur Förderung oder gar Verpflichtung von Kultureller Bildung gibt (vgl. Deutscher Städtetag 2009) und somit auch die Notwendigkeit einer Übereinstimmung in Fragen professioneller Tanzangebote in der Kulturellen Bildung nicht von allen Beteiligten geteilt wird.

Fazit

Die knappe Übersicht macht deutlich, dass der Professionalisierungsprozess im Bereich von Tanz in der Kulturellen Bildung gerade erst begonnen hat. Die große Vielfalt und Heterogeni­tät an Angeboten und Anbietern spricht zwar für das Bemühen, den Tanz in der Kulturellen Bildung weiter zu stärken; sie ist aber auch ein Hinweis dafür, dass die Ausbildung im Tanz für Kulturelle Bildung einer qualitativ hochwertigen Professionalisierung gegenübersteht.