Ausbildung für Kinder- und Jugendliteratur als Gegenstand Kultureller Bildung

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von Regina Pantos

Erscheinungsjahr: 2013 / 2012

Damit Kulturelle Bildung im Bereich der Literatur stattfinden kann, müssen die VermittlerInnen sowohl die Literatur kennen wie auch über Methodenwissen verfügen, um ihre Adressaten zu erreichen.

Literatur im Elternhaus

Sprachliche Bildung beginnt mit der Geburt und die literarische mit dem ersten Bilderbuch. D.h., dass die ersten VermittlerInnen in der Regel die Eltern der Kinder sind. Ausschlaggebend ist hier, welche eigenen Erfahrungen mit Literatur vorliegen. Wichtig besonders für Eltern, die keine entsprechende literarische Sozialisation als Kind erfahren haben, sind Programme wie „Buchstart“ in Hamburg oder „Lesestart“ der Stiftung Lesen, die Eltern über die KinderärztIn­nen mit Informationen über die frühe literarische und sprachliche Bildung und einem ersten Bilderbuch versorgen. Um das Beziehungsdreieck Eltern-­Kind-­Buch zu festigen, werden in Hamburg z.B. entsprechende Veranstaltungen ergänzend angeboten und Kontakte zu Bibliotheken als Ansprechpartner der Eltern geknüpft (siehe Jan­-Pieter Barbian „Öffentliche Bibliotheken als gesellschaftliche Orte Kultureller Bildung“).

Kinder- und Jugendliteratur in der Erzieherausbildung

Ein Teil der Kinder besucht die Krippe und anschließend den Kindergarten. Im Jahr vor der Schule sind es über 90 % (Forschungsverbund Deutsches Jugendinstitut/Universität Dortmund 2008). Hier kommt den ErzieherInnen die entscheidende Rolle für die Literaturvermittlung zu. In ihrer Ausbildung hat es in den letzten zehn Jahren einen Paradigmenwechsel vom Fach-­ zum Themenfeldunterricht gegeben. In der früheren Ausbildung gab es das Unterrichts-­ und Prü­fungsfach Kinder-­ und Jugendliteratur mit unterschiedlicher Stundenzahl je nach Bundesland. Klassische und aktuelle Kinder- und Jugendliteratur, gattungsspezifische Besonderheiten und der Bezug zu den Entwicklungsaufgaben der Kinder wurden thematisiert. Hinzu kamen Aspekte der Sprach-­ und Leseförderung sowie Methoden der Vermittlung. Es resultierten auch Aufgabenstellungen für das Praktikum aus diesem Fach. Man könnte hier von einer Variante der Fachdidaktik Deutsch mit dem Fokus auf der Kinder-­ und Jugendliteratur sprechen. Mit der Umstellung der Ausbildung auf das Konzept der Themenfelder, durch die die Ausbildung strukturiert wird, wurde der Fokus auf Fragestellungen gerichtet, die sich aus der praktischen Arbeit der ErzieherInnen vor Ort ergeben. Folge ist, dass hier die Funktion der Kinder-­ und Jugendliteratur im Erziehungsprozess im Vordergrund steht und nicht das Kunstwerk mit seinen vielfältigen Bezugssystemen und seiner ästhetischen Qualität. Beide Aspekte müssen jedoch in der Ausbildung zusammengebracht werden, damit Literatur in der Kulturellen Bildung ihre volle Wirkung entfalten kann. Da es keine bundeseinheitliche Ausbildung im Berufsfeld Erzieher gibt, können keine verbindlichen Aussagen zur derzeitigen Ausbildung gemacht werden, sondern nur Hinweise gegeben werden auf mögliche Problembereiche.

Kinder- und Jugendliteratur in der Lehrerausbildung

Traditionell wird die literarische Bildung als Kerngeschäft in der Schule dem Fach Deutsch zugeordnet. Die Beschäftigung mit Kinder-­ und Jugendliteratur ist in den letzten dreißig Jah­ren immer mehr in den Unterricht der Grundschule, teilweise sogar ins Gymnasium integriert worden. Daraus könnte man schließen, dass sie verbindlich zumindest in die Ausbildung von GrundschullehrerInnen gehört. Das ist jedoch immer noch nicht überall der Fall. Einen Eindruck von der Ausbildungssituation vermittelt eine Untersuchung von Gina Weinkauff von der PH Heidelberg zur Situation der Kinder-­ und Jugendliteratur im Lehramtsstudium von 2008. Sie stellt fest, dass die Entwicklung der Kinder­- und Jugendliteratur in den letzten dreißig Jahren international eine bemerkenswerte qualitative Entwicklung genommen hat, mit der die Entwicklung in Forschung und Lehre quantitativ nicht Schritt gehalten hat.

Die einzige universitäre Institution im deutschsprachigen Raum, die einen Magister­-Teilstudiengang „Kinder-­ und Jugendliteraturwissenschaft“ anbietet, ist das 1963 gegrün­dete Institut r Jugendbuchforschung, das Teil der Germanistik der Goethe-Universität Frankfurt/M. ist. Das Lehrangebot steht auch Studierenden für das Lehramt mit dem Fach „Deutsch“ zur Verfügung. Dieses Institut unter der Leitung von Professor Hans-­Heino Ewers ist der wichtigste Impulsgeber für die literaturwissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Kinder­- und Jugendliteratur seit über vierzig Jahren. Weitere Einrichtungen, die sich mit der Kinder- und Jugendliteratur speziell beschäftigen, finden sich an der Universität Köln (Arbeitsstelle für Leseforschung und Kinder- und Jugendmedien ALEKI), an der Universität Oldenburg (Oldenburger Forschungsstelle Kinder- und Jugendliteratur OLFOKI), an der PH Ludwigsburg (Zentrum für Literaturdidaktik Kinder Jugend Medien ZeLd) an der PH Heidelberg sowie an der Humboldt Universität in Berlin. Der Schwerpunkt der Angebote in der Ausbildung liegt jedoch im Bereich der Literaturdidaktik, die an diversen Universitäten Bezug auf die Kinder­- und Jugendliteratur nimmt. Dass dieser Bereich in den letzten Jahren gewachsen ist, ist unter anderem eine Folge der PISA-Ergebnisse und der Diskussion um Leseförderung und Lesekompetenz als Basisqualifikation für den Schulerfolg. Was für die Erzieherausbildung gesagt wurde, gilt auch für die Lehrerausbildung. Es gibt keine verbindlichen Aussagen, weil es keine verbindlichen Standards für die Ausbildung gibt.

Kinder- und Jugendliteratur in der außerschulischen Bildung

Immer relevanter wird auch die Beschäftigung mit Literatur im außerschulischen Bereich (siehe Stephanie Jentgens „Außerschulische Literaturvermittlung“). Hier spielen die Bibliotheken eine wichtige Rolle. Es gibt jedoch nur einen Lehrstuhl, der speziell für Kinder-­ und Jugendbibliotheksarbeit ausgewiesen ist. Ihn hat Professorin Kerstin Keller-­Loibl an der Fakultät Medien der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur in Leipzig inne. Da sich die Ausbildung der BibliothekarInnen zur Zeit ebenfalls im Umbruch befindet und sich der Schwerpunkt in Richtung Wissens-­ und Medienmanagement verschiebt, bleibt die Frage nach der Relevanz von Kinder-­ und Jugendliteratur in der Ausbildung offen.

Der enorme Zuwachs der letzten Jahre an Bachelor-­Studiengängen in Kulturwissenschaf­ten, Medienwissenschaften und Pädagogik macht einen Überblick über diese Ausbildungen kaum mehr möglich. Fakultativ gibt es hier auch immer wieder die Möglichkeit, sich mit Literatur für Kinder und Jugendliche zu beschäftigen.

Deutlich ist, dass die Nachfrage nach qualifizierter Auseinandersetzung mit der Literatur für Kinder und Jugendliche das Angebot übersteigt. Erfolgreich bietet die STUBE (Studien- und Beratungsstelle für Kinder- und Jugendliteratur) in Wien einen viersemestrigen Fernkurs für Kinder- und Jugendliteratur mit zwei Tagungen und Zertifikat an. Auch an der Akademie Remscheid für musische Bildung und Medienerziehung e.V. bietet Dr. Stephanie Jentgens eine Qualifizierung zum Literaturpädagogen an, die sich an eine breitgefächerte Zielgruppe von VermittlerInnen wendet. Zu speziellen Themen bietet auch der Arbeitskreis für Jugendliteratur e.V. (AKJ) regelmäßig Fortbildungen an.

Wünschenswert wäre, dass die Auseinandersetzung mit Kinder­- und Jugendliteratur sowohl in der Erzieher­- wie in der Lehrerausbildung zum verbindlichen Standard würde und entsprechende ExpertInnen ausgebildet und eingebunden werden. Darüber hinaus sollte das Fortbildungsangebot für VermittlerInnen in der pädagogischen Praxis, in Bibliotheken und Buchhandel auch im Hinblick auf viele ehrenamtlich engagierte LesepatInnen deutlich ausgebaut werden. Denn der Kompetenzzuwachs bei den Kindern hängt wesentlich von den Kompetenzen der VermittlerInnen ab.

Verwendete Literatur

Anmerkungen

Dieser Text wurde erstmals im Handbuch Kulturelle Bildung (Hrsg. Bockhorst/ Reinwand/ Zacharias, 2012, München: kopaed) veröffentlicht.

Zitieren

Gerne dürfen Sie aus diesem Artikel zitieren. Folgende Angaben sind zusammenhängend mit dem Zitat zu nennen:

Regina Pantos (2013 / 2012): Ausbildung für Kinder- und Jugendliteratur als Gegenstand Kultureller Bildung. In: KULTURELLE BILDUNG ONLINE:
https://www.kubi-online.de/artikel/ausbildung-kinder-jugendliteratur-gegenstand-kultureller-bildung
(letzter Zugriff am 18.06.2019)

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Dieser Artikel wurde dauerhaft referenzier- und zitierbar gesichert unter https://doi.org/10.25529/92552.293.

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