Aus der Praxis … ins Digitale…. für die Praxis … Ein digitaler Formfindungsprozess für eine sinnlich-körperliche Tanzvermittlung in Schulen

Artikel-Metadaten

von Hanna Hegenscheidt, Ulrich Huhn

Erscheinungsjahr: 2019

Peer Reviewed

Abstract

Folgender Beitrag beschreibt die Entwicklung von Calypso – einer digitalen Webanwendung für Vermittlung von zeitgenössischem Tanz in Schulen. Hierzu werden der Arbeitsauftrag umrissen, die Entwicklungsstrategien reflektiert sowie der digitale Formfindungsprozess beschrieben und kontextualisiert. Schließlich wird aufgezeigt, welche Möglichkeiten Digitalisierung produziert und welche Handlungsoptionen daraus entstehen.

Auftrag

Tanz und Digitalisierung, da denken wir vielleicht an tanzende Roboter, an die Video-Archivierung der Arbeiten wichtiger Choreograf*innen, an Choreografien, die aus Algorithmen entwickelt wurden, an YouTube-Tutorials, die Fortnite-Tänze oder auch an das chinesische Videoportal Tik Tok. Tanz als Ästhetische Bildung in Zeiten der Digitalisierung, da denken wir vielleicht an Kinder vor dem Bildschirm, deren Körpererfahrung und soziale Kompetenz mit Hilfe von Tanzprojekten gefördert werden sollen oder an Tanz als gesellschaftliches Ereignis, Gruppen, die per Video-Life-Schaltung miteinander tanzen oder Flashmobs.

Der Verein TanzZeit (siehe: Marie Beyeler/ Livia Patrizi „Tanz – Schule – Bildung. Überlegungen auf der Erfahrungsgrundlage eines Berliner Tanz-in-Schulen-Projekts") treibt seit mehr als 10 Jahren in Berliner Schulbetrieben sein Tanzwesen und ist als Koordinierungsstelle für Tanz an Schulen in Berlin nicht mehr wegzudenken. 2015 wurde TanzZeit im Rahmen des Programms Kunstlabore als Kunstlabor Tanz der MUTIK GmbH, gefördert durch die Stiftung Mercator, beauftragt, die eigenen Erfahrungen digital verfügbar und deutschlandweit transferfähig zu machen, sozusagen aus der Praxis für die Praxis (siehe: Birgit Wolf „Bundesweite Akteure der Kulturellen Bildung: Eine Einführung in die Strukturen"). Anliegen war, digital aufbereitetes Material soll Tanzvermittler*innen und Schullehrer*innen dabei unterstützen, deutschlandweit qualitätsvolle Tanzprojekte an Schulen durchzuführen, auch dort, wo es keine Koordinierungsstelle und qualitätssichernde Betreuung gibt. 

MUTIK entwickelte neben anderen bundesweiten Netzwerkprojekten im Bereich Kultureller Bildung das Projekt Kunstlabore: Je ein Labor für die Künste Theater, Musik, Literatur, Bildende Kunst und Zeitgenössischer Tanz. Diese Labore, jeweils vertreten durch erprobte Projekte in Hamburg, Bremen, Nordrhein-Westfalen und Berlin, wurden beauftragt, gemeinsam mit MUTIK digitale Materialien zu entwickeln, die den Nutzer*innen kostenfrei unter der cc-Lizenz zur Verfügung stehen sollten. Im Austausch miteinander hat jedes Kunstlabor eine individuelle Form entwickelt, ihre in Schulen erprobte Praxis digital aufzubereiten. 

TanzZeit hat in diesem Rahmen das digitale Tool Calypso entwickelt. An der inhaltlichen Entwicklung Calypsos waren neben Livia Patrizi, der Gründerin von TanzZeit, ein Team aus Tanzvermittler*innen, Choreograf*innen, Lehrer*innen, Webentwickler*innen, Grafiker*innen, Texter*innen und Programmierer*innen beteiligt. Eine Gruppe von elf erfahrenen Tanzvermittler*innen, die seit vielen Jahren in Kooperation mit TanzZeiteigenständige pädagogisch-künstlerische Vorgehensweisen entwickelt haben, brachten ihr Wissen mit ein und überprüften in ihrer Praxis wiederum das für Calypso entwickelte Material. Diese Tanzvermittler*innen unterrichteten in Schulen innerhalb der Formate TanzZeits meist in Zweierkonstellationen. Durch Fortbildungen, Austauschtreffen und die wechselnden Teamkonstellationen entstand in der Gruppe ein praxiserprobtes Vermittlungswissen, das an ein rhizomartiges, miteinander verknüpftes Netzwerk denken ließ. Für Calypso wurde dieses Wissen analysiert, systematisiert und digital dargestellt.

Ins Digitale

 „In der digitalen Sphäre findet die analoge Welt abstrahiert und entmaterialisiert statt.“ (Rat für Kulturelle Bildung 2019:18) Kulturelle Bildung kann und soll Digitalisierung mit Inhalten füllen, denn sie „ist auf vielfältigste Weise mit historischen, sozialen, ökonomischen, technischen, künstlerischen und kulturellen, politischen und pädagogischen Kontexten verwoben“ (Rat für Kulturelle Bildung 2019:4). 

Über die Bedeutung für die Digitalisierung hinaus ist das Kulturelle und Ästhetische besonders wichtig für die Entwicklung der menschlichen Sinne. Denn der ästhetische Bereich hilft Schüler*innen Kenntnisse über ästhetische Gestaltungs- und Inszenierungsprozesse zu erwerben, die gerade für die kreative Nutzung von digitalen Medien und die kritische Rezeption von digitalen Inhalten hilfreich sind. Der Zeitgenössische Tanz als kultureller Gestaltungsprozess kann im weitesten Sinne profunde Kenntnisse über körperlichen Ausdruck, nonverbale Kommunikation, Komposition und Inszenierungsprozesse vermitteln. Außerdem ermöglicht er das differenzierte Erleben von unterschiedlichsten Formen von Bewegung, die auch für das unmittelbare Miteinander in Schule und Gesellschaft wichtig sind. In diesem Sinne unterstützt Zeitgenössischer Tanz als Teil von Kultureller Bildung, Digitalisierung aktiv zu gestalten. 

Durch die Notwendigkeit zur Abstraktion in der digitalen Darstellung wurde das Calypso-Team gezwungen, ein System zu erfinden, welches für unterschiedlichste Formate und Projekte Gültigkeit hat, verschiedene Inhalte von Zeitgenössischem Tanz abbildet und dabei gleichzeitig den vielfältigen künstlerischen und pädagogischen Ansätzen der Tanzvermittler*innen entspricht.

Als theoretischer Ausgangspunkt diente dem Calypso-Team die 1948 von dem amerikanischen Kommunikationswissenschaftler Harold Dwight Lasswell formulierte Formel: „Wer sagt was in welchem Kanal zu wem mit welchem Effekt?“ (Arens 2008:198). Angepasst an den Vermittlungskontext lautet unsere Frage: WER vermittelt WAS, WIE an WEN, WO und mit WELCHER WIRKUNG?  

Alle sechs in der Frage benannten „W‘s“ waren für die Praxis der Tanzvermittler*innen essentiell. Diese haben entsprechende Methoden und Strategien entwickelt, um die vielfältigen Herausforderungen, denen sie an Schulen begegnen, zu meistern. Das Modell der sechs „W‘s“ ermöglichte es, diese Methoden und Strategien zu ordnen und die gegenseitigen Wechselbeziehungen zwischen den Einflussgrößen zu verstehen. An wenvermittelt wird, ist demnach von derselben Wichtigkeit wie bzw. steht in direkter Abhängigkeit zum Inhalt, der vermittelt wird, oder auch zum Kontext, in dem das Projekt stattfindet. 

Das digitale Tool sollte diese Realität abbilden und bei den Nutzer*innen das Bewusstsein dafür schärfen, die beteiligten Faktoren als System zu verstehen, welches erst durch situationsgerechtes Handeln funktional wird.

Die sechs W’s

Für die Website Calypso wurden aus den sechs „W‘s“ sieben Ziele abgeleitet, die für das Gelingen eines Tanzprojektes wichtig sind. Ein Ziel ist nicht als Schritt zu verstehen, den man nacheinander abarbeitet, sondern als Zustand nachdem man strebt, auch wenn man ihn nicht zwangsläufig erreicht.

1. Kooperieren
Wo und mit wem unterrichte ich? Der*die Tanzvermittler*in kommt in die Schule und trifft die*den Lehrer*in. Die Erkenntnis, dass Kooperation bewusst gestaltet werden kann, ermöglicht es, Probleme und Missverständnisse während des Projektes aktiv zu managen. 

2. Interessieren
Folgend gilt es, das Interesse der Schüler*innen für Zeitgenössischen Tanz zu wecken. Dazu sollten sich die Tanzvermittler*innen für die Lebensrealität der Schüler*innen interessieren.

3. Kennenlernen
Im Gegenseitigen Kennenlernen geht es um das Beobachten der Schulklasse: motorisch, sozial und künstlerisch-gestalterisch. Außerdem können Schnittmengen gemeinsamer Interessen für das Projekt zwischen Schüler*innen, Tanzvermittler*innen und Lehrer*innen identifiziert werden.

4. Thematisieren
Das WAS bezieht sich auf den Inhalt also den Gegenstand der Vermittlung. Angelehnt an den Ansatz der Rahmenlehrpläne in der Bildung werden mögliche Inhalte des Zeitgenössischen Tanzes aufgefächert und in sechs Themenfeldern dargestellt.

5. Reflektieren
Hier findet ein Innehalten aller Beteiligten statt, ein Reflektieren des Vermittlungsansatzes und des Prozesses. Das WIE und die WIRKUNG stehen im Vordergrund.

6. Choreografien
Im Choreografieren geht es darum, wie die sozialen und thematischen Aspekte, die in den bisherigen Zielen beobachtet und bearbeitet wurden, in den Gestaltungsprozess einer Präsentation einfließen können? Dabei spielen alle „W‘s“ eine Rolle.  

7. Abschließen
Als Letztes steht der Abschluss eines Projektes, eine Evaluation, ein Abschied und das Ende vor dem Anfang eines neuen Projektes.

Calypso Ziele
Der Calypso Kreis

Der Kommunikationswissenschaft folgend funktioniert gelungene Kommunikation kreisförmig: Die Beteiligten sind Ursache und Wirkung zugleich. Das ist einfach gesagt, bedeutet aber für die Tanzvermittler*innen, dass ihre Praxis mit den oben genannten Zielen als offenes System im labilen Gleichgewicht ständig neu zu justieren ist. 

In Calypso sind die sieben Ziele als Kreis angeordnet. Dies suggeriert einerseits den zeitlichen Ablauf eines Projektes (oder auch einer Unterrichtseinheit). Andererseits kann je nach Bedarf zwischen der Bearbeitung der Ziele gewechselt werden, um damit situationsgerecht auf das soziale System reagieren zu können. Die einzige Unterbrechung des Calypso-Kreises ist die Leerstelle zwischen dem Abschließen eines Projektes und der beginnenden Kooperation für ein neues Projekt.

Calypso digital ist in Kapitel gegliedert: Kooperieren, Interessieren, Kennenlernen, Thematisieren, Reflektieren, Choreografieren, Abschließen. Jedes dieser Kapitel wird mit einem kurzen Video-Loop eröffnet, der Kinder tanzend auf einer Bühne zeigt und sich choreografisch auf das jeweilige Kapitel bezieht. Wie in einer Zwiebelstruktur sind unter der Zielebene die Materialien platziert, deren Einsatz das „Erreichen“ der Ziele unterstützen soll. Neben Videos helfen Comic-Grafiken und Audio-Zitate die teils umfangreichen Inhalte zu kommunizieren. 

Differenzierter Calypso Kreis

Die Nutzer*innen der Website finden etwas zum Schauen, Hören, Lesen, zum Bearbeiten und zum Kreieren: Wie die Gesprächsleitfäden zur Kooperation oder sogenannte Zugangskonzepte, d.h. Vorschläge für Unterrichtseinheiten, die Zeitgenössischen Tanz mit den Lebensrealitäten der Kinder verbinden. Des Weiteren gibt es verschiedene ausdruckbare Kartenspiele, wie die choreografischen Reisekarten, welche den Schüler*innen helfen, ihren choreografischen Prozess nachzuvollziehen, ebenso wie  eine umfangreiche Datenbank mit Musiktiteln aus verschiedenen Kulturen.

Die in Calypso gewählten digitalen Mittel wie O-Ton-Zitate von Schüler*innen, Lehrer*innen und Tanzvermittler*innen oder die Beschreibungen von schwierigen Szenarios und deren pädagogisch-didaktischen Hinweise in Form von Tipps oder auch Videomitschnitte von Choreografien in Schulen sollen erfahrbar machen, auf welche Schwierigkeiten Tanzvermittler*innen in der Realität treffen können. Zwar kann eine digitale Hilfestellung nicht unbedingt vermitteln, wie diese Konflikte vor Ort zu lösen sind, doch unterstützt die Analyse des Problems anhand des Calypso-Systems den*die Tanzvermittler*in, unterschiedliche Lösungsansätze auszuprobieren, eigene Erfahrungen zu machen und diese zu reflektieren.

In die Praxis 

„Jeder Mensch ist ein Tänzer“ (siehe: Fleischle-Braun „Tanz und Kulturelle Bildung") formulierte der Tanzforscher Rudolf von Laban. Eine Schülerin einer Berliner Grundschule sagte: „Auf die Schönheit kommt es nicht an. Es kommt auf die Schönheit der Bewegung an.“

TanzZeit hat den Anspruch, Schüler*innen verschiedenen Alters aus allen Schichten durch die Vermittlung von Zeitgenössischem Tanz ganzheitlich zu fördern und jede*n darin zu unterstützen, einen eigenen tänzerischen Ausdruck zu finden. Denn die Tanzkunst „liefert den Rahmen für Selbsterprobungen, selbstbestimmte Auseinandersetzungen mit einem Stoff, einer Sache im Medium von Tanz“ (siehe Antje Klinge: Was heißt hier Vermittlung? Ein-Blick in die tanzkulturelle Bildungspraxis). Eine andere Bezugsgröße für das Vermittlungsverständnis ist der von Jacques Rancière geprägte Vermittlungsbegriff „Der unwissende Lehrmeister“ (vgl. Jacques Rancière 2009), in dem er für eine Emanzipation von Lehrenden und Lernenden plädiert. Rancière plädiert für „die Selbstbestimmung des Menschen, seine Urteils- und Gestaltungsfähigkeit […] betont. Der Tanz (als Spiel) liefert den Rahmen für solche Selbsterprobungen. Hier regiert das Kind, es ist sein Spielraum.“ (siehe: Antje Klinge „Was heißt hier Vermittlung? Ein-Blick in die tanzkulturelle Bildungspraxis")

Tanzvermittler*innen haben, geprägt durch ihre unterschiedlichen Erfahrungen mit der Kunstform Zeitgenössischer Tanz in Schulen, individuelle Arbeitsweisen entwickelt. Diese Arbeitsweisen sollten „sich tunlichst nicht als 1:1 übernehmbare Handlungsanleitungen verstehen, sondern als möglichst attraktiv aufbereitete Inspirationsquellen, um Kolleg*innen zu ermutigen, ihrerseits künstlerische Lernprozesse mit vergleichbaren Qualitätsansprüchen in Gang zu setzen“ (Wimmer 2018:1).

Für TanzZeit und die mit Tanz in Schule assoziierten Tanzvermittler*innen bedeutete die Erarbeitung Calypsos nicht nur eine digitale Aufbereitung, sondern erst einmal eine Art „Alphabetisierung“ ihrer bisher gesammelten Erfahrungen. Dieser Abstraktionsprozess forderte von allen Beteiligten, die ethischen Werte ihres Vermittlungsansatzes zu überprüfen und mit ihren Vorgehensweisen in ihrem Unterricht abzugleichen. 

Die im Qualitätsrahmen von Aktion Tanz erläuterten Bildungsdimensionen und Kompetenzen für Tanz in Schulen bilden hierfür eine Grundlage.

Ein anschauliches Beispiel für diesen Prozess sind die im sechsten Ziel Choreografieren verorteten Qualitätskriterien für Choreografie im Kontext Schule. Was genau macht in der Arbeit mit Schüler*innen Qualität aus? Welche Chancen bestehen? Was kann im Idealfall erreicht werden? Im Rahmen eines Tanzprojektes an einer Schule zu choreografieren, bietet Möglichkeiten, das komplexe sozialen Gefüge einer Klasse zu erfassen und künstlerisch zu verhandeln. Pädagogik und Kunst verschmelzen zu etwas Neuem, Drittem, in dem sich auch die Schüler*innen neu wahrnehmen können. 

Die vier Kriterien Anschlussfähigkeit, Beziehung, Selbstkompetenz und Sichtbarkeit sind im Kontext Kultureller Bildung offensichtlich. Durch ihre Konkretisierung in dem Material Choreografie im Kontext Schule, in Form von überprüfbaren Fragen zum Stück, ist es möglich, diese Fusion der pädagogischen und künstlerischen Aspekte von Kultureller Bildung an Schulen zu benennen und zu fördern. 

Digitalisierung: Chancen und Risiken

Chancen und die damit verbundenen Hoffnungen der Digitalisierung für die Tanzvermittlung sind, dass Nutzer*innen sich deutschlandweit kostenlos und allerorts weiterbilden und inspirieren lassen können. Calypso soll helfen, zeitgenössische Tanzvermittlung in Schulen in „die Breite“ zu tragen. Somit kann dazu beitragen, einen Standard zu etablieren, der dem Zeitgenössischen Tanz zu mehr Relevanz im Bildungskanon verhilft. Eine Konsequenz der Entwicklung von Calypso ist beispielsweise der intensivierte fachliche Austausch zwischen TanzZeit-Vermittler*innen und Lehrer*innen. Denn je kompetenter Tanzvermittler*innen im Kontext Schule agieren, desto besser können sie die Interessen/Anliegen/Konzepte der Kulturellen Bildung im System Schule vertreten.

Eine weitere Chance der Digitalisierung liegt in der Anwendung des digitalen „Tanz-Materials“ im Klassenraum. So können Videos von Werken bedeutender Choreograf*innen in den Tanzunterricht einbezogen werden, die Schüler*innen zeitgenössische Tanzkunst vermitteln. 

Thematisieren ist das Herzstück für die Nutzung im Klassenraum. Sechs Fokusfelder stellen wesentliche Inhalte des Zeitgenössischen Tanzes dar: Körper und BewegungTanz und Gestaltung, Tanzkulturen, Tanz und Unterricht, Tanz und andere Künste und Tanz und Gesellschaft. Jedes Fokusfeld ist ein offenes System mit systematisierten Begriffsübersichten, die die Tanzvermittler*innen individuell erweitern und verändern können. Beispielaufgaben zeigen das Prinzip, wie sich aus den Fokusfeldern anhand der Begriffe und methodischen Vorschläge eigenständig Aufgaben für den Unterricht generieren lassen. Daraus können ganze Curricula für Tanzprofil-Schulen entwickelt werden.

Trotzdem: Tanz ist eine körperlich-sinnliche Kunstform, die das dreidimensionale, reale Erleben von Geist, Seele und Körper im Raum braucht. Für die Vermittlung heißt das: Auch, wenn der Tanz durch digitale Mittel, wie das bewegte Bild oder Übersichten von bewegungsrelevanten Begriffen, eine angemessene Darstellung findet, hat die digitale Vermittlung von Tanzinhalten an Tanzvermittler*innen Grenzen. Sie ist letztendlich eng an die praktische Erfahrung, das Wissen und das Können der Vermittler*innen gebunden. Es besteht die „Gefahr“, dass über das digitale Medium rezepthaft Aufgaben und Unterrichtsabläufe weitergegeben werden, die dann ohne das Mitdenken der anderen Faktoren (Kontext, Zielgruppe, Kooperationspartner etc.) eins zu eins umgesetzt werden. Die Herausforderung der Digitalisierung besteht darin, Möglichkeiten zu finden, wie sich Inhalte mit dem Wissensstand der Nutzer*innen verbinden können. 

Als analoge und vertiefende Formate bietet TanzZeit Fortbildungen an, die auf Calypso basieren. Das Einsteiger*innen-Modul soll Tanzvermittler*innen helfen, Calypso als Ressource zu nutzen. Die zertifizierte vierzehnmonatige Fortbildung soll die Teilnehmer*innen befähigen, eigenständige künstlerische und pädagogische Vorgehensweisen zu entwickeln. 

Fazit: Zeitgenössischer Tanz und Digitalisierung

In einer Zeit, in der fast jede*r Jugendliche ein Smartphone besitzt, bedingen sich Digitalisierung und analoge Wirklichkeit längst gegenseitig. Digitale Geräte sind Teil des Körpers geworden und helfen diesen zu vermessen und zu kontrollieren. So sind die digitalen Tänze des Computerspiels Fortnite allgegenwärtige „Körperwirklichkeit“ vieler Schüler*innen auf den Pausenhöfen. Auch digitale Rezeptionsgewohnheiten, wie der Zugriff auf Bestehendes und das Entstehen von „Neuem“ durch sampling und editing, werden gängige Praxis, die durch Digitalisierung verbreitet wird. TanzZeit will mit Calypso diese Wechselwirkung zwischen analoger Wirklichkeit und Digitalisierung für die Vermittlungspraxis aktiv nutzen und gestalten. Wie die Schüler*innen durch den Zeitgenössischen Tanz ihren Körper differenzierter erleben, so kann und soll sich im Umkehrschluss die Vermittlungspraxis von Zeitgenössischem Tanz durch Digitalisierung verändern und weiterentwickeln. Diesen Prozess als Chance zu begreifen und verantwortungsvoll zu gestalten, ist das Anliegen. 

Zeitgenössischer Tanz und Digitalisierung: Da denken wir vielleicht an junge Menschen, die sich mit und durch den Zeitgenössischen Tanz als gesellschaftlich relevante, kulturelle Praktik mit Neugier und Hingabe in ihrer Schule bewegen. Denn darauf kommt es auch an!

Ihre Meinung ist gefragt!