Anrufbarkeit. Warum wir Kulturelle Bildung brauchen

Keynote zur kubi-online Jahrestagung 2025 „Kulturelle Bildung – eine Resonanzoase?“ an der Akademie Remscheid

Artikel-Metadaten

von Hartmut Rosa

Erscheinungsjahr: 2025

Abstract

Eingangs legt der Soziologe Hartmut Rosa dar, wie sich Subjekte konstituieren: Sie nehmen sich erst durch die Beziehungen zur und in der Welt wahr. Und umgekehrt: Auch Welt formt sich erst aus vielfältigen Beziehungen heraus (Relationale Ontologie). Die Soziologie der Weltbeziehung, die Hartmut Rosa entworfen hat und im Vortrag eingangs umreißt, fragt danach, wovon diese Weltbeziehung beeinflusst ist und durch welche Grundsituationen und -formen dieses Auf-Welt-Bezogensein bestimmt wird. Denn diese Grundformen - nicht zuletzt geprägt von Klassen-, Milieu-, Kulturbestimmungen - sind unseren Erfahrungsprozessen a priori vorgelagert und entscheiden über die Wahrnehmung bzw. den grundlegenden Modus, in denen wir Welt begegnen: Ist Welt für uns gefährlich, verlockend, stimulierend …? Kulturelle Bildung hat dabei das Potenzial und die Aufgabe, Menschen angstfrei fühl- und erlebbar zu machen, dass es unterschiedliche Weisen für diese Weltbeziehung gibt.

Die Moderne wiederum hat das In-der-Welt-Sein durch ihren Beschleunigungsmodus in besonderer Weise geprägt. Moderne Gesellschaften müssen sich, so das Narrativ der Moderne, „bessern“ und sehr viel investieren, um das Bestehende zu erhalten. Das prägt auch das Subjekt, das sich – um zu bestehen – der systemischen Logik von Wettbewerbsprinzip, Wachstumszwang und Konkurrenzlogik anpasst. Damit verbunden ist das Grundprinzip der Verfügbarmachung von Welt: Um Welt nutzen zu können, muss sie demnach wissenschaftlich durchdrungen, technisch beherrschbar gemacht und optimiert werden. Das führt unweigerlich zu einem Zwangsverhältnis von Subjekten zur Welt und letztlich zu einem Modus der Angst vor dem Abgehängt-Werden und des Begehrens danach, (mehr) Welt in Reichweite zu bringen.

Kultur und Kulturelle Bildung sind, so legt Rosa anschließend dar, in diesem Zusammenhang wichtige Räume, in denen Menschen sich als selbstinterpretierende Wesen wahrnehmen und sich selbstdeutend ausdrücken können. Sie können damit sowohl eine „Oase“ im Sinne eines Erholungsraums und „Reparaturorts“ sein, öffnen aber auch Experimentierfelder für subversives Denken und Expression, in denen Subjekte alternative Weltbeziehungen sich vor Augen führen, modellieren und ausprobieren können.

Neben dem Zwangsverhältnis ist es ein starkes Aggressionsverhältnis zur Welt, in das moderne Gesellschaften ihre Mitglieder hineinsozialisieren – nicht nur im Hinblick auf Natur oder auf sozialer Ebene (z.B. Demokratiekrise), sondern auch zu sich selbst. Kulturerfahrungen schließen ein solches Aggressionsverhältnis aus, weil in ihnen ein Erleben zwischen aktiver und passiver Haltung, also ein mediopassives/medioaktives Moment, liegt, das Binaritäten zwischen Subjekt-Objekt oder Subjekt-Welt auflöst und resonante Bewegungen im Zwischenraum (vgl. Derrida) ermöglicht. Solche resonanten Beziehungen bleiben nicht im Überwältigt-Sein stecken, sondern beinhalten mediopassive/medioaktive Antworten. Im Aggressionsmodus der Moderne aber ist keine Berührbarkeit und Anrufbarkeit denkbar, d.h. kein Modus, der offene und resonante Beziehungen ermöglicht. 

Damit sind vier wesentliche Elemente einer Resonanzbeziehung bereits umrissen, die Rosa kurz ausführt: 

  1. Ein Subjekt wird berührt, bewegt, fühlt sich verbunden: Eine Stimme, einen Ruf hören; Welt ‚spricht‘.
  2. Ein Subjekt antwortet: Responsive Reaktion (Selbstwirksamkeit; Dialog)
  3. Transformation als einem wechselseitigen Erreichen und Transformieren von Subjekt und Welt: Beide bleiben nicht dieselben.
  4. Unverfügbarkeit: Eintreten und Ergebnis der Resonanzbeziehung sind nicht kontrollierbar, planbar, vorhersagbar.

Abschließend zeigt Hartmut Rosa auf, was Kulturelle Bildung zu resonanten Beziehungen beitragen kann: Sie schafft Resonanzräume (Resonanz 2. Ordnung), stellt Anrufbarkeit her (Dispositionale Resonanz) und öffnet Resonanzachsen der Subjekte – als soziale Resonanz (zwischen den Menschen), als materiale Resonanz (zu den Dingen), als vertikale Resonanz (zur umgreifenden Realität und dem Leben) und als Selbstachse der Resonanz.

Vortragsvideo

Struktur des Vortrags

02:48 Vorüberlegung: Was ist eine Soziologie der Weltbeziehung?

09:50 Verfügbarmachung: Das Weltverhältnis der Moderne 1

16:45 Zwischenüberlegung: Was soll kulturelle Bildung?

23:03 Aggression: Das Weltverhältnis der Moderne 2

32:30 Anrufbarkeit: Resonanz Ein mediopassives Weltverhältnis

40:09 Kulturelle Bildung – ein revolutionärer Auftrag?

 

Verwendete Literatur

  • Arendt, Hannah (1960): Vita activa oder Vom tätigen Leben. Stuttgart: Kohlhammer.
  • Derrida, Jacques (1979): Die Stimme und das Phänomen. Ein Essay über das Problem des Zeichens in der Philosophie Husserls. Frankfurt/Main: Suhrkamp.
  • Merleau-Ponty, Maurice (1966/1974): Phänomenologie der Wahrnehmung". Berlin: de Gruyter.
  • Rosa, Hartmut (2013): Beschleunigung und Entfremdung : Entwurf einer kritischen Theorie spätmoderner Zeitlichkeit. Berlin: Suhrkamp.
  • Rosa, Hartmut (2016): Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung. Berlin: Suhrkamp.
  • Schulze, Gerhard (1992): Soziologie der Erlebnisgesellschaft. Kultursoziologie der Gegenwart. Frankfurt/Main: Campus
  • Taylor, Charles (1994): Quellen des Selbst : die Entstehung der neuzeitlichen Identität. . Frankfurt/Main: Suhrkamp.

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Hartmut Rosa (2025): Anrufbarkeit. Warum wir Kulturelle Bildung brauchen. In: KULTURELLE BILDUNG ONLINE: https://www.kubi-online.de/artikel/anrufbarkeit-warum-kulturelle-bildung-brauchen (letzter Zugriff am 22.09.2025).

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Dieser Artikel wurde dauerhaft referenzier- und zitierbar gesichert unter https://doi.org/10.25529/B15B-CJ47.

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