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Ästhetische Erfahrungen – Hinweise für den Umgang mit einem komplexen Begriff

von Max Fuchs (30. Nov. 2015) Erscheinungsjahr: 2015
Überlegungen aufgrund der Forumsarbeit zum Thema „Qualität" beim 3. Kubi-Online Symposium 2015

Vorbemerkung

Im Folgenden soll es nicht darum gehen, den Begriff der ästhetischen Erfahrung zu definieren oder ihn für einen pädagogischen Gebrauch nutzbar zu machen. Es sollen vielmehr einige Hinweise darauf gegeben werden, was bei einem Umgang mit diesem Begriff zu beachten ist und woran man denken sollte, wenn man Texte liest, die sich mit diesem Begriff befassen. Auch dies kann nicht systematisch und schon gar nicht vollständig geschehen. Es soll vielmehr darauf hingewiesen werden, dass es neben einem selbstverständlich erscheinenden Alltagsgebrauch dieses Begriffs, bei dem es keine Schwierigkeiten zu geben scheint, was mit ihm erfasst wird, ein anspruchsvollerer Gebrauch des Begriffs davon ausgehen muss, dass er – wie alle gehaltvollen Begriffe – nur in dem jeweils explizit ausformulierten bzw. implizit unterstellten theoretischen Kontext verstanden werden kann.

Der Ausgangspunkt: Alltägliche Erfahrung

Wann spricht man im Alltag von einem erfahrenen Menschen oder davon, dass jemand in einem bestimmten Feld Erfahrungen gesammelt hat und was meint man damit? Eine verbreitete Assoziation mit dem Erfahrungsbegriff in diesem Zusammenhang dürfte sein, dass man die angesprochenen „Erfahrungen“ mit einer entwickelten Kompetenz in Verbindung bringt, in dem betreffenden Feld in besonderer Weise handlungsfähig zu sein. Man unterstellt, dass sich der betreffende Mensch in dem angesprochenen Feld schon eine längere Zeit mit einer gewissen Souveränität bewegt hat und möglicherweise relevante Probleme hat lösen können. Die Rede von einer Erfahrung bedeutet in diesem Zusammenhang, dass man Vertrauen in die Kompetenz dieses Menschen haben kann.

Geht es um Lebenserfahrung, dann wird man diese kaum einem jüngeren Menschen zu sprechen. Vielmehr gelangt man dann in den Kontext von Begriffen wie etwa Weisheit und Lebensklugheit: Ein lebenserfahrener Mensch hat Höhen und Tiefen des Lebens erlebt, er hat Herausforderungen bewältigt, er weiß daher, wovon er spricht. Daher ist ein solcher Mensch auch ein geeigneter Ratgeber in bestimmten Lebenslagen.

Diese Hinweise auf die alltägliche Nutzung des Erfahrungsbegriffs sind durchaus aufschlussreich. Denn Erfahrung ist in all den genannten Fällen wesentlich mehr, als bloß bei bestimmten Ereignissen dabei gewesen zu sein. Erfahrung beruht zwar auf Wahrnehmung, sie schließt aber auch die Bewertung des Wahrgenommenen, seine reflexive Verarbeitung und seine Integration in ein reflektiertes Verständnis vom Leben ein. Erfahrung ist also in diesem Sinne verankert in der Sinnlichkeit des Menschen, geht aber keineswegs in dieser auf und ist daher auch kein Gegenbegriff zu Reflexion oder Wissen, sondern sie stellt eine Synthese zwischen der sinnlichen, reflektierenden und wertenden Seite des Menschen dar. Erfahrung ist also ein komplexer Begriff menschlicher Existenz.

Der Phänomenologe Thomas Fuchs beschreibt dies so: „Zur Kunst (sic; M.F.) der Wahrnehmung gehört es, ein Gefühl für Stil, Charakter und Eigentümlichkeit der Dinge zu entwickeln, eine sensiblere und nuancierte Erfassung der Wirklichkeit auszubilden.“ (Fuchs 2003:69)

Er fährt mit der Überlegung fort, dass Wahrnehmung dort in besonderem Maße zur Kunst wird, wenn sie auch ein Können beinhaltet (ebenda). Im Folgenden gibt er einige Elemente dessen an, was zu einer Präzisierung des Erfahrungsbegriffs führen kann:

  • Erfahrung erwirbt man durch Wiederholung. Sie stellt einen Extrakt aus vielen Einzelerlebnissen dar.
  • Erfahrung resultiert aus erlebten Situationen.
  • Situationen sind zentriert auf den Leib, der Erfahrene bewegt sich nicht in einem abstrakten Raum, sondern in einer Landschaft.
  • Erfahrung schließt die Beweglichkeit des Leibes ein, Erfahren ist eine Tätigkeit.
  • Erfahren bedeutet aber auch Erleiden, indem sie aus einer Begegnung mit dem Fremden, Unbekannten und anderen resultiert. Daher hat sie es mit Widerstand, der Widrigkeit der Dinge zu tun. Erfahren ist, der gelernt hat, Gegenkräfte zu überwinden oder ihnen auszuweichen, um Wege zu gehen, Hilfsmittel zu gebrauchen und Listen zu finden
  • Der Erfahrene entwickelt einen besonderen Sinn für Charakter, Stil und Physiognomie seines Gegenstandes.
  • Dieses Wahrnehmen, Wissen und Können des Erfahrenen ist nur unvollständig in Worte zu fassen. Erfahrung gehören zu dem „impliziten Wissen“. (Fuchs ebd.:70f.)

Die von Thomas Fuchs vorgenommene Analyse einzelner Bestimmungsmomente stützt sich zwar auf eine Wahrnehmung dessen, wie im Alltag war Erfahrungen gemacht werden, in der Art und Weise seiner Analyse wird jedoch die Anwendung einer phänomenologischen Methode deutlich, kurz: Man kann auch dieses Ausgehen von Alltagsmomenten nicht theoriefrei gestalten.

Ästhetische Erfahrungen

Ein neueres Lexikon zur Ästhetik definiert: „Ästhetische Erfahrung bezeichnet die Einstellung gegenüber ästhetischen Objekten oder auch die Tätigkeit, die sie auslösen. Verwandte Konzeptionen sind "ästhetische Einstellung", "Wohlgefallen", "Genuss", "Tätigkeit", "Erleben" und "Anschauung". Die ä. E. ist eine sinnliche Erfahrung.“ (Trebeß 2006:35)

Später ist von einer Aufmerksamkeit die Rede, die sich auf die sinnliche Erscheinungsweise eines Gegenstandes richtet. Zudem ist davon die Rede, dass es sich um ein Erleben handelt, das außeralltäglich, zweckentlastet und genussvoll ist (ebd.). Zu den meisten der in dieser Definition angeführten Begrifflichkeiten, mit denen ästhetische Erfahrung etwas zu tun haben, gibt es weitere nachzuschlagende Sachartikel.

Auch diese letzte simple Beobachtung ist aufschlussreich, weil sie darauf hinweist, dass der Begriff der ästhetischen Erfahrung – wie jeder wissenschaftliche und theoretische Begriff – nicht für sich alleine steht und daher auch nicht isoliert definiert werden kann, sondern man es stets mit einem Netzwerk von Begriffen zu tun hat, in die der jeweilige Begriff einzuordnen ist. Dies ist bereits ein erster wichtiger Aspekt, der zu berücksichtigen ist, wenn man sich dem Begriff der ästhetischen Erfahrung annähert: Man muss fragen, in welchem theoretischen Kontext der Begriff verwendet wird, auf welche Autoren und auf welche philosophischen Richtungen man sich in dem konkreten Anwendungszusammenhang bezieht.

Weitere Aspekte, die bei der Nutzung des Begriffs der ästhetischen Erfahrung zu berücksichtigen sind

Bereits bei der eingangs wiedergegebenen Beschreibung und Analyse des allgemeinen Erfahrungsbegriffs wurde der Bezug zur Sinnlichkeit hergestellt. Dies mag selbstverständlich erscheinen, doch gibt es auch hierfür eine wichtige zu berücksichtigende historische Entwicklungslinie in der Geschichte der Philosophie. Denn es ist kein Zufall, dass der Begriff der ästhetischen Erfahrung als einer der wichtigsten Grundbegriffe der Ästhetik mit dieser in der Mitte des 18. Jahrhunderts entwickelt worden ist. Es ging um die in dem dominierenden Rationalismus auf dem europäischen Kontinent stattfindende Geringschätzung, Verachtung und zum Teil Bekämpfung der sinnlichen Seite des Menschen. Gegen diese Tendenz entwickelte Alexander Baumgarten als neue philosophische Disziplin die Ästhetik, wobei er sich bewusst auf das griechische Wort Aisthesis (sinnliche Erkenntnis) stützte.

Dass dies ein mutiger Akt war, kann man nicht nur darin sehen, dass er sich damit gegen die dominierende Schulphilosophie, so wie sie an Universitäten gelehrt wurde, wehrte, auch die äußerst zurückhaltende Aufnahme dieses Begriffes bzw. die klare Ablehnung etwa durch Kant und viele andere bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts hinein zeigen, dass bei aller Relevanz der Thematik diese Begrifflichkeit zumindest Unbehagen verursacht hat. Ein Grund für diese Reserviertheit mag darin liegen, dass in der Tat die sinnliche Seite des Menschen mit seiner Triebhaftigkeit in Verbindung gebracht wurde, mit seiner Neigung zur Gewalt und zu Kriegen (König 1992). Daher war ein Ziel in der Philosophie und in der entstehenden Pädagogik, diese sinnliche (weil gewaltaffine) Seite des Menschen zu zivilisieren und zu kultivieren.

Eine Rehabilitation der Sinnlichkeit des Menschen konnte daher als eine Form der Gegnerschaft gegen dieses humane Anliegen betrachtet werden. Dies bedeutet aber, dass man die Debatte über das Verhältnis von Sinnlichkeit, Verstand und Moral nur im Kontext der jeweiligen Debatten über das Menschen- und Gesellschaftsbild der betreffenden Zeit verstehen kann.

Ein dritter zu berücksichtigender Aspekt bei dem Umgang mit dem Begriff der ästhetischen Erfahrung ist mit dem Namen von Kant verbunden. Denn der Kern seiner „kopernikanischen Kehre“ zur Kritischen Philosophie bestand in einer Wende zum Subjekt. Es war nicht mehr die Welt oder das Objekt, die das Subjekt formen, sondern es kam auf das Subjekt an, das sich seine Welt und Wirklichkeit aufgrund der ihm zur Verfügung stehenden Vermögen und Kräfte konstituierte. Kant war also – in heutiger Terminologie – ein Konstruktivist. Dies bedeutet für den Begriff der Erfahrung, dass es bei ihm weniger darum geht, die objektive Welt in sich aufzunehmen, die Erfahrung besteht vielmehr darin, dass der Mensch erlebt, dass sein Erkenntnisapparat auf diese Welt passt. Gerade ästhetische Erfahrung ist dabei eine Erfahrung über Erfahrung, ist also ein Moment der Selbstreflexivität des autonomen Subjekts.

Kant war es auch, der die Debatten vor allem des 17. und 18. Jahrhunderts über Lust, Geschmack, Urteilskraft und Wohlgefallen aufgriff und in seiner Ästhetikkonzeption bündelte. Die bis heute relevanten Formulierungen einer Zweckmäßigkeit ohne Zweck gehen auf seine Überlegungen zurück. Auch dieser Gedanke hat einen konkreten historisch-kulturellen und gesellschaftlichen Kontext. Denn man sollte fragen, warum es plötzlich notwendig war, den Aspekt der Zweckfreiheit so stark zu betonen.

Die Antwort besteht darin, dass sowohl die Thematisierung des Subjekts (nicht nur bei Kant) als auch der Aspekt der Freiheit von äußeren Handlungsanforderungen aufs engste mit der Entstehung der bürgerlichen Gesellschaft verbunden ist. Denn es ist ein Charakteristikum der Moderne, dass die Selbstverständlichkeit der Normen und Sinnsysteme des christlich geprägten Mittelalters erheblich an Relevanz verlieren, sodass sich der Mensch nunmehr verstärkt mit der Frage der Sinnhaftigkeit seines Lebens beschäftigen muss. Es werden zudem herkömmliche Lebensformen, die bislang dem Leben des Einzelnen Haltung und Struktur gegeben haben, durch die Entwicklung der industriellen Gesellschaft zerstört, sodass auch hier die Frage der individuellen Lebensführung keineswegs mehr selbstverständlich ist (indem man sich an herkömmliche Traditionen hält), sondern man das eigene Leben als genuine Gestaltungsaufgabe betrachten muss.

All diese Aspekte führen bereits Mitte des 18. Jahrhunderts etwa bei Jean-Jacques Rousseau zu einer harten Kritik an dieser entstehenden Moderne. Spätestens mit Kant, ganz deutlich bei seinem Schüler Friedrich Schiller und ausformuliert dann in den philosophischen Systemen etwa von Hegel werden diese antihumanen Aspekte der gesellschaftlichen Entwicklung zum Gegenstand der Reflexion: Man spricht von Entzweiung und Entfremdung und man sieht den Einzelnen immer mehr als bloß willenloses Werkzeug zur Umsetzung äußerer Anforderungen.

Gegen diese Form der Instrumentalisierung für gesellschaftliche Zwecke wehrt man sich, etwa dadurch, dass man Bereiche fordert, in denen dieser Gedanke der Zweckgebundenheit des Menschen für fremdgesetzte Ziele ausgeschaltet ist. Es ist also daran zu erinnern, dass die Rede der Zweckmäßigkeit ohne Zweck nur verstanden werden kann vor dem Hintergrund einer kritischen Haltung gegenüber der gesellschaftlichen Entwicklung.

In konzentrierter Weise beschreibt dies Rüdiger Bubner:

„Ich spreche von der ästhetischen Erfahrung, die vor dem Hintergrund komplexer Alltagsfunktionen in der Eröffnung des außergewöhnlichen und unerwarteten Bereichs völliger Funktionslosigkeit besteht. Natürlich lässt sich die Kunst in der Außenperspektive des Historikers, Soziologen oder Kritikers auf den Bildungs- oder Marktwert, auf propagandistische und politische Aufgaben, auf die Rolle der Erbauung, Unterhaltung oder ideologischer Verschleierung hin untersuchen. Das sind zweifellos Funktionen, die die Kunst in bestimmten Zusammenhängen übernimmt. Aber diese Funktionen stellen nicht den eigentlichen Gehalt der ästhetischen Erfahrung selber dar. In der beginnen Perspektive dessen, der diese Erfahrungen macht, dürfen sie getrost vernachlässigt werden. Wenn uns ein Roman bewegt oder ein Theaterstück erschüttert, wenn wir ein Konzert genießen oder ein Bild aufregend finden, so erfüllt uns nicht das Bewusstsein, dass der Verleger verdient, der Regisseur kulturpolitische Pläne verfolgt, die Stadtväter sich schmücken wollen oder der Kunstgenuss von Problemen der „Dritten Welt“ ablenkt.“ (Bubner 1989:151f.)

Zu diesem Zusammenhang des Begriffs der ästhetischen Erfahrung mit gesellschaftlichen Entfremdungserscheinungen gehört auch der Vorschlag des Philosophen Franz Koppe (in Oelmüller 1981), der ein wesentliches Moment ästhetischer Erfahrung in der Artikulation menschlicher Bedürfnisse sieht. Auch dies macht nur dann Sinn, wenn man davon ausgeht, dass es in dem (offensichtlich als instrumentalisierend verstandenen) Alltagsleben keine Gelegenheit gibt, unverstellt menschliche Bedürfnisse zu artikulieren. Man braucht offenbar daher einen Freiraum jenseits aller Handlungserwartungen der Gesellschaft, damit der Mensch in dieser Weise zu sich selber finden kann. Also auch hier steht ein wichtiger ästhetischer Begriff in enger Verbindung mit (als zu kritisierenden) gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, was paradoxerweise heißt, dass die Forderung der Autonomie der Künste ein Instrument zum Abbau von Entfremdungserfahrungen ist.

Die kritische Haltung im Rahmen einer ästhetischen Praxis hat bis heute ihre Relevanz nicht verloren. So beklagen auf der Basis sehr unterschiedlicher theoretischer Grundpositionen der Göttinger Erziehungswissenschaftler Christian Rittelmeyer (2007) und der Essener Erziehungswissenschaftler Armin Bernhard (2015) beide die mögliche Deformation menschlicher Sinnlichkeit aufgrund der Kultur- und Medienindustrie. Vor diesem Hintergrund entwickeln beide (nichtidentische) Konzeptionen einer ästhetischen Praxis, die gegen solche Deformationen und Entfremdungserscheinungen vorgehen soll.

Auch Begriffe haben gelegentlich eine Konjunktur, sie werden seltener oder häufiger verwendet, so dass man fragen kann, ob es Gründe für diese Entwicklung gibt. So hat der Begriff der ästhetischen Erfahrung seit einigen Jahren eine deutliche Konjunktur erfahren, sodass er in vielen Ästhetikkonzeptionen inzwischen der Kernbegriff des jeweiligen Ansatzes ist. Eine Ursache für diese Konjunktur kann in der Krise des Werkbegriffs gesehen werden. Man erinnere sich, dass in den verschiedenen Kunstsparten und insbesondere in der bildenden Kunst spätestens in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sowohl in der theoretischen Reflexion aber auch in der praktischen künstlerischen Arbeit der Werkbegriff als nicht mehr relevant kritisiert wird. Spätestens mit den Arbeiten von Marcel Duchamp (Readymades) und später von Andy Warhol wird die Rede von einem künstlerischen Werk obsolet.

Daher wird das Subjekt interessant, das sich in einer rezeptiven oder produktiven Weise in einer ästhetischen Praxis befindet. Kernbegriff auf Seiten des Subjekts ist „ästhetische Erfahrung“. Auch hierbei zeigt sich, dass bei jeder Verwendungsweise dieses Begriffs berücksichtigt werden muss, dass diese mit einer bestimmten kunstphilosophischen Position (wie etwa der These vom Verschwinden des Kunstwerks) verbunden ist: Es gibt keinen kontext- und theoriefreien Verwendungszusammenhang komplexer Begriffe wie etwa dem der ästhetischen Erfahrung.

Mit der Problematisierung des Werkbegriffs ist unmittelbar die Frage verbunden, an welchen Gegenständen ästhetische Erfahrungen gemacht werden können. Gab es bereits Jahrhunderte oder sogar Jahrtausende die für selbstverständlich gehaltene Position, dass unmittelbarer Gegenstand eines Umganges mit Kunst das Schöne ist und dieses Schöne an Werken etwas mit der gelungenen Darstellung eines außerästhetischen Gegenstandes zu tun hat (woraus die entsprechenden Kunsttheorien Qualitätskategorien eines Kunstwerkes abgeleitet haben: Vollkommenheit, Symmetrie etc.), so ändert sich dies mit der Entstehung der Fachdisziplin Ästhetik.

Bereits Alexander Baumgarten breitet zuerst sein Anliegen aus, sinnliche Erkenntnis generell zu rehabilitieren, bevor er auf Kunst und Künste zu sprechen kommt. Kant wiederum favorisiert keineswegs die schönen Künste in seiner Ästhetik, sondern behandelt er in seiner Kritik der Urteilskraft neben dem Kunstschönen auch den Eindruck, den die Natur auf den Menschen macht (Erhabenheit). Zwar konstituiert später Hegel wieder eine reine Werkästhetik, doch schreibt sein Schüler Karl Rosenkranz kurze Zeit darauf eine Ästhetik des Hässlichen, wobei sich bereits Schiller damit auseinandersetzte, dass und warum man auch an nichtschönen Gegenständen, etwa an tragischen Ereignissen und Figuren, erfreuen kann. So gibt es bis heute beide Positionen: Die einen bestehen darauf, dass ein Kunstwerk in besonderer Weise ästhetische Erfahrungen ermöglicht (so aktuell etwa Bertram 2006), wohingegen die einflussreiche Konzeption von John Dewey von der Möglichkeit ästhetischer Erfahrungen an allen Gegenständen ausgeht.

Meine Position ist die, dass es in der Tat auf den Modus der Wahrnehmung im Subjekt ankommt, welche Dimension eines Gegenstandes ich in dem Prozess der Wahrnehmung hervorhebe, so dass es mir möglich erscheint, an jedem Gegenstand eine ästhetische Dimension zu erkennen und sich darin zu vertiefen, ganz so wie es Rüdiger Bubner oben beschrieben hat. Es ist allerdings auch möglich, ausgewiesene künstlerische Gegenstände in einer nicht ästhetischen Weise zu betrachten (etwa ihre handwerkliche Qualität, biografische Aspekte des Produzenten, Motivationen des Käufers des Kunstwerkes, der materielle Wert des Werkes etc.). Die besondere Bedeutung eines Kunstwerkes, hinter dem eine Künstlerin oder ein Künstler steht, besteht meines Erachtens darin, dass sich die Neugierde im Hinblick auf das Werk noch um die Frage erweitert, welche Bedeutung dieses Werkes für den Produzenten hatte, also in legitimer Weise sich die Alltags-Frage stellt, welche Botschaft der Künstler bzw. das Werk geben will. Da es inzwischen zu einem allgemeinen Erkenntnisstand im Umgang mit Kunst gehört, dass insbesondere moderne Kunst sich einer schnellen Deutung entzieht, kann eine solche Frage nach der Bedeutung die ästhetische Grundhaltung des Subjektes (Neugierde, Aufmerksamkeit, Offenheit für überraschende Deutungen etc.) noch vertiefen.

In einer Wörterbuchdefinition von ästhetischer Erfahrung (Henckmann/Lotter 2004, 83) wird davon gesprochen, dass dieser Begriff sich gegenüber Alternativbegriffen wie Geschmack, Erlebnis, Genuss, Gefühl oder Wahrnehmung durchgesetzt habe. Es gibt allerdings immer noch Ästhetikkonzeptionen, in denen von einem Erlebnis oder von Wahrnehmung die Rede ist. Pierre Bourdieu (1987) wiederum befasst sich in seinem voluminösen Werk im Rahmen seiner Theorie der gesellschaftlichen Urteilskraft ganz zentral mit der Frage des Geschmacks. Daher ist dieser Wörterbuchdefinition nicht unbedingt zuzustimmen. Auch der später formulierten These, dass der Begriff der ästhetischen Erfahrung wiederum in den letzten Jahren durch den Begriff der Rezeption ersetzt worden sei, ist nur gültig im Kontext bestimmter ästhetischer Theorien.

Diese Hinweise sollen dazu führen, dass man mit der Wahl eines Begriffes sich sofort in eine unvermeidbaren wissenschaftlichen Meinungsstreit begibt, in dem man eine Position bezieht, für die es durchaus gute Gründe gibt, bei der es allerdings auch gute Gründe für eine Kritik gibt. Dies ist deswegen zu berücksichtigen, weil insbesondere Diskussionen über Ästhetik und speziell über ästhetische Qualität in pädagogischen Kontexten diese Problematik nicht berücksichtigen und zu autoritären und nicht weiter begründeten Setzungen neigen.

Ein letzter Aspekt betrifft die Frage, welche Bedeutung philosophische Spezialdisziplinen im gesamten Feld der Philosophie haben. So sind immer wieder philosophische Entwürfe vorgestellt worden, die nicht bloß den Anspruch hatten, eine bislang nur unzureichend bearbeitete Frage jetzt konzentrierter angehen zu wollen, sondern die zugleich einen Gesamtentwurf für das Philosophieren generell behaupteten. Man kann sagen, dass alle bedeutenden Philosophen immer letzteren Anspruch erhoben. So hat man etwa in den 1920 er Jahren philosophische Anthropologie nicht bloß als Spezialdisziplin zur Thematisierung des Menschen entwickelt, sondern als grundsätzliche Art und Weise, überhaupt Philosophie zu betreiben. Ähnliches gilt für die Ästhetik. Während die einen wie etwa der Berliner Moralphilosoph Volker Gerhardt sagen, dass ein ästhetischer Zugang zur Welt erst dann erfolgen kann, wenn ein moralischer Kompass entwickelt ist (mit der Konsequenz, dass Ästhetik der Ethik nach geordnet ist), gibt es prominente Positionen, die in der Ästhetik quasi die Königsdisziplin der Philosophie sehen. Ein Aspekt bei diesem Standpunkt betrifft dann auch die Frage ästhetische Erfahrung: Auch diese hat konsequenterweise bei einer solchen Sichtweise einen privilegierten Status gegenüber anderen Erfahrungen, so wie es etwa die These ausdrückt, dass man im Bereich des Ästhetischen Erfahrungen über Erfahrungen macht. Dadurch wird ästhetische Erfahrung zu einer Art Kontroll- und Qualitätsinstanz für alle Erfahrungen.

Schlussbemerkung

Die in diesem Text vorgestellten Aspekte und Dimensionen ästhetischer Erfahrungen können durchaus als Stolpersteine im Umgang mit einem komplexen Begriff verstanden werden. Sie weisen auf etwas hin, was jeder eigentlich weiß: Gehaltvolle Begriffe haben ihre Geschichte, haben ihre Theorietraditionen und sind unterschiedlich zu deuten je nach theoretischem Kontext. Das bedeutet, dass man sich bei der Verwendung eines solchen Begriffes stets die Bringschuld auflädt, zu klären, welche der möglichen Bedeutungsvarianten man nutzen möchte und dass die vorgetragenen Überlegungen nur Gültigkeit im Rahmen einer bestimmten Theorie-Konstruktion haben.Nun ist dies kaum in wissenschaftlichen und schon gar nicht in praktischen Arbeitskontexten zu leisten. Was aber in jedem Fall geleistet werden kann, ist, diese Theoriebeladenheit gehaltvoller Begriffe im Blick zu behalten. Dies gehört ohnehin zu dem Professionsverständnis in der Wissenschaft, es gehört aber auch zu dem Bild eines „reflektierten Praktikers“. Selbst wenn man die Erläuterung der theoretischen Kontexte nicht in jedem Fall leisten kann, so sollte das Bewusstsein der Existenz solcher Kontexte dazu führen, dass man seine Überlegungen mit einer gewissen Bescheidenheit vorträgt: Es könnte nämlich sein, dass ein anderer mit guten Gründen zu ganz anderen Positionen kommt.

Verwendete Literatur

  • Bernhard, Armin (2015):
    Pädagogische Ästhetik. In: Braun, Tom/Fuchs, Max/Zacharias, Wolfgang (Hg.)(2015): Theorien der Kulturpädagogik. Weinheim/Basel: Beltz-Juventa.
  • Bertram, Georg (2006):
    Kunst. Stuttgart: Reclam.
  • Bourdieu, Pierre (1987):
    Die feinen Unterschiede. Frankfurt/M.: Suhrkamp.
  • Bubner, Rüdiger (1989):

    Ästhetische Erfahrung. Frankfurt/M.: Suhrkamp.

  • Fuchs, Max (2011):
    Kunst als kulturelle Praxis. Kunsttheorie und Ästhetik für Kulturpolitik und Pädagogik. München: kopaed.
  • Fuchs, Thomas (2003):
    Was ist Erfahrung. In: Hauskeller, Michael (Hg.) (2003): Die Kunst der Wahrnehmung. Kusterdingen: SFG.
  • Henckmann, Wolfhart/Lotter, Konrad (Hg.) (2004):
    Lexikon der Ästhetik. München: Beck.
  • Kant, Immanuel (1974, zuerst 1790):
    Kritik der Urteilskraft. Frankfurt/M.: Suhrkamp.
  • Kern, Andrea/Sonderegger, Ruth (Hg.) (2002):
    Falsche Gegensätze. Frankfurt/M.: Suhrkamp.
  • König, Helmut (1992):
    Zivilisation und Leidenschaften. Rowohlt: Reinbek.
  • Oelmüller, Willi (Hg.) (1981):
    Kolloquium Kunst und Philosophie: Ästhetische Erfahrung. München/Wien/Zürich: Schöningh.
  • Rittelmeyer, Christian (2007):
    Kindheit in Bedrängnis. Zwischen Kulturindustrie und technokratischer Bildungsreform. Stuttgart: Kohlhammer.
  • Trebeß, Achim (Hg.) (2006):
    Ästhetik. Stuttgart: Metzler.