Ästhetisch-Kulturelle Bildung in der psychosomatischen Rehabilitation – Ein Bindeglied zwischen Tanz- und Bewegungstherapie und Sozialer Arbeit?

Artikel-Metadaten

von Nicole Hartmann, Lea Teßmer

Erscheinungsjahr: 2026

Peer Reviewed

Abstract

Die gesundheitsfördernde Wirkung von Kunst findet zunehmend Eingang in das Gesundheitswesen. Der Beitrag schlägt vor, Ästhetisch-Kulturelle Bildung durch eine interprofessionelle Zusammenarbeit von Tanz- und Bewegungstherapie, Tanz und Sozialer Arbeit in die psychosomatische Rehabilitation einzubringen. Verfasst ist der Beitrag aus der Perspektive der Tanz- und Bewegungstherapie und inkludiert die praktischen Erfahrungen der Autorinnen: Nicole Hartmann lehrt im Feld der Künstlerischen Therapien und verfügt über mehrjährige tanztherapeutische Erfahrung in der psychosomatischen Rehabilitation; Lea Teßmer bringt praxisnahe Einblicke aus einem von ihr durchgeführten Tanzangebot in der klinischen Psychosomatik ein. In einem Vergleich der unterschiedlichen Reflexionsebenen zwischen dem Tanzangebot und der Tanz- und Bewegungstherapie werden die Unterschiede in der ästhetisch-kulturellen Erfahrung diskutiert. 

Die Tanz- und Bewegungstherapie fokussiert die Wechselwirkungen zwischen körperlichem, psychischem und interaktionellem Erleben und zielt u.a. auf die Stärkung psychosozialer Kompetenzen ab. In der psychosomatischen Rehabilitation wird die psychische Erkrankung behandelt, ein Schwerpunkt liegt aber auch auf Fragen der Erwerbsfähigkeit. Entsprechend berät die Soziale Arbeit unter der Prämisse eines biopsychosozialen Gesundheitsverständnisses unter anderem zu berufsbezogenen Fragen. Schnittstellen ergeben sich in der gemeinsamen Ausrichtung auf soziale Kompetenzen und der Nähe beider Professionen zur Ästhetisch-Kulturellen Bildung. Sowohl Künstlerische Therapien als auch die Soziale Arbeit nutzen die Künste, um Menschen zu verbinden, Irritationen, Reflexionen und neue Perspektiven zu ermöglichen.

Die Kooperation von Tanz- und Bewegungstherapie, Tanz und Sozialer Arbeit kann daher dazu beitragen, die Interdependenz von intra- und interpsychischem Erleben, sozialen Kompetenzen und alltäglichen (beruflichen) Handlungskontexten erfahrbar zu machen. So soll der Transfer von Therapie und Beratung in den Alltag erleichtert werden. Gleichzeitig stärkt das gemeinsame Angebot die interprofessionelle Zusammenarbeit und bietet Möglichkeiten der Weiterentwicklung der Disziplinen.

Die Autorinnen sehen in der Einbindung der Ästhetisch-Kulturellen Bildung in die psychosomatische Rehabilitation das Potenzial, den Herausforderungen des Settings auf neue Art zu begegnen.

Einleitung

Die psychosomatische Reha ist eine wichtige Institution in der Behandlung von psychischen Erkrankungen, von denen in Deutschland jedes Jahr ungefähr 27,8% der Bevölkerung betroffen sind (dpggn 2025_DGPPN_Basisdaten Psychische Erkrankungen.pdf). Zur bestmöglichen Therapie wird das Modell der multimodalen Behandlung verfolgt und eine interprofessionelle Zusammenarbeit empfohlen (dgppn 2024-09-18_DGPPN_Erklärung_Interprofessionelle_Zusammenarbeit.pdf). Die vom Runden Tisch der Fachverbände publizierte Erklärung zur interprofessionellen Zusammenarbeit in der psychiatrischen, psychotherapeutischen und psychosozialen Versorgung benennt unterschiedliche Formen, vom „reinen Informationsaustausch bis hin zu gemeinsamem Handeln eines Behandlungsteams“ (ebd.:4).  So stellte sich die Frage, wie diese Zusammenarbeit intensiviert werden könnte, um das gemeinsame Ziel des multiprofessionellen Behandlungsteams im Hinblick auf das individuelle Ziel der Rehabilitand:innen bestmöglich zu verwirklichen. Gleichzeitig „verfolgt auch jede Berufsgruppe eigene professionsgebundene Ziele mit Blick auf den Rehabilitanden“ (Xyländer / Meyer 2021:157), so dass eine Zusammenarbeit beide Ziele berücksichtigen muss. In diesem Spannungsfeld untersuchen die Autorinnen die Zusammenarbeit von zwei Professionen, deren Schwerpunkte zunächst weit auseinander zu liegen scheinen: Während die Soziale Arbeit in der psychosomatischen Reha insbesondere soziale und berufliche Probleme bearbeitet und zu wirtschaftlichen und sozialrechtlichen Bedarfslagen berät (DRV), liegt der Schwerpunkt der Künstlerischen Therapien in der Ressourcenstärkung und/oder der Bearbeitung von intra- und interpersonellen Schwierigkeiten. Und doch wirken in der psychosomatischen Reha die Themen der Tanz- und Bewegungstherapie und der Sozialen Arbeit aufeinander ein: Ungeklärte finanzielle Probleme, Arbeitsplatzschwierigkeiten oder auch ein Rentenbegehren können den therapeutischen Prozess belasten, psychische Probleme beeinflussen unter Umständen die Handlungsfähigkeit der Rehabilitand:innen in der Sozialen Arbeit. Abseits der Reha setzt die Soziale Arbeit jedoch Tanz in sozialen Kontexten ein und nutzt damit Methoden der Ästhetisch-Kulturellen Bildung. Sie verfolgt damit oft das Ziel, Soft Skills oder Kompetenzen zu fördern. Die Tanz- und Bewegungstherapie ist über den Tanz eng mit Ästhetisch-Kultureller Bildung verknüpft und hat gleichzeitig einen therapeutischen Auftrag. 

Und auch der Tanz fördert Soft Skills, wie u.a. Problemlösefähigkeit, Kommunikationsfähigkeit, Selbstdisziplin, Mut und Flexibilität (empowering dance), die als wichtige Schlüsselkompetenzen für beruflichen Erfolg und Gesundheit angesehen werden (Puerta et al. 2016). Für die psychosomatische Reha mit ihrem Fokus auf der beruflichen Tätigkeit sind diese Kompetenzen von hoher Relevanz. Aufgrund dieser Überschneidungen überlegen die Autorinnen, wie eine Zusammenarbeit in einem gemeinsamen Angebot in der psychosomatischen Reha aussehen und welchen Mehrwert diese bieten kann. Kann eine interprofessionelle Zusammenarbeit, in der die Disziplinen zeitweise so ineinandergreifen, dass sich evtl. sogar neue Arbeitsformen herausbilden, eine Bereicherung in „Kommunikation und Kooperation“ (Xyländer / Meyer 2021:157) darstellen? Der künstlerische Tanz stellt dabei die Schnittstelle von Tanz- und Bewegungstherapie und Sozialer Arbeit dar. 

Im Folgenden wird das dem Artikel zugrunde liegende Verständnis von Ästhetisch-Kultureller Bildung und Soft Skills erläutert sowie die psychosomatische Reha beschrieben. Die beiden Arbeitsbereiche der psychosomatischen Reha, Tanz- und Bewegungstherapie und Soziale Arbeit, werden erklärt und auf ihre Verbindung im Hinblick auf Ästhetisch-Kulturelle Bildung und Soft Skills untersucht. Auf dieser Grundlage wird eine hypothetische Zusammenarbeit der beiden Disziplinen in Verbindung mit dem Tanz entworfen und kritisch diskutiert.

Ästhetisch-Kulturelle Bildung und Soft Skills

Die Autorinnen verwenden den Begriff der Ästhetisch-Kulturellen Bildung, da sich die Bildungskonzepte der Ästhetischen und Kulturellen Bildung insbesondere für den Kontext des Gesundheitswesens ergänzen. Obwohl sie miteinander verknüpft sind, grenzen sie sich doch auch voneinander ab. Die Ästhetische Bildung fokussiert eher die leibsinnliche Wahrnehmung des Individuums und ist damit nicht auf die Künste beschränkt, sondern umfasst ebenso Alltagserfahrungen (Mattenklott 2012; Brandstätter 2012). Die Kulturelle Bildung arbeitet mit einem breiten Kulturbegriff, der eine „Kategorie des Sozialen“ (Fuchs 2012:64) umfasst und damit nicht nur die Künste, sondern auch den Alltag, Werte, Wissenschaft und Religion meint (Fuchs 2012). Mit Vanessa-Isabelle Reinwand lässt sich sagen, dass die ästhetische Erfahrung ein Grundprinzip Kultureller Bildung darstellt (Reinwand 2012). Ursula Brandstätter schreibt, dass Kulturelle Bildung die Rahmenbedingungen für ästhetische Erfahrungen „in einem umfassenden, viele Dimensionen des Menschseins aktivierenden Sinn“ schaffen soll (Brandstätter 2012:180). Mit dem Begriff der Ästhetisch-Kulturellen Bildung möchten die Autorinnen verdeutlichen, dass sich die Ästhetische Bildung mehr in Richtung des individuellen Erlebens bewegt, während die Kulturelle Bildung sich mehr nach außen, auf das Soziale und auf die Künste richtet. Dennoch sind beide nicht voneinander zu trennen. Oder, wie Tom Braun und Brigitte Schorn es beschreiben: „Diese Veränderung des Wissens und Könnens des Subjekts ist gleichermaßen immer ein aisthetischer, d.h. sinnlicher [vgl. griech. Aisthesis:Wahrnehmung], wie auch ein kultureller Prozess, in dem das Individuum sein Selbst- und Weltverhältnis immer wieder neu verhandelt“ (Braun / Schorn 2012:128). Eine Ästhetisch-Kulturelle Bildung würde dementsprechend den Rahmen schaffen, in dem diese Prozesse möglich sind.

Das Ziel von Projekten der (Ästhetisch-)Kulturellen Bildung ist vielfach Soft Skills zu fördern. Soft Skills oder „sozioemotionale Skills“ (Puerta et al. 2016) werden von Hard Skills unterschieden, wobei Soft Skills als überfachliche Kompetenzen (Kucher / Wehinger 2008/2009 zit. in Moser 2018) und Hard Skills als fachliche Kompetenzen definiert werden können (Moser 2018). Soft Skills beziehen sich damit auf Kompetenzen, die sich auf die „Persönlichkeit, die Einstellung und das Verhalten“ einer Person beziehen (Moss / Tilly 1996:253 zit. in Moser 2018, übers. N.H.). Damit können sie für eine „Vielzahl unterschiedlicher beruflicher Tätigkeiten als Bewertungskriterium herangezogen werden“ (Salvisberg 2010:21; Reichenbach 2014:41; Mytzek 2004:20 zit. in Moser 2018). Diese überfachlichen Kompetenzen werden in drei Kompetenzformen unterteilt: Personale, Soziale und Methodische Kompetenzen. Die Personale Kompetenz bezeichnet die Fähigkeit der Selbstkompetenz, sich selbst „einschätzen zu können“ (Erpenbeck / Heyse 1996:90 zit. in Moser 2018). Soziale Kompetenz ist die Fähigkeit, mit anderen zu kommunizieren und zu kooperieren, um zusammenarbeiten zu können (Moser 2018). Methodische Kompetenz bezeichnet die Fähigkeit methodisches Wissen einzusetzen, um „nahezu unlösbare Probleme schöpferisch zu bewältigen“ (Moser 2018:11). In der Studie von Moser wurde „der Stellenwert von überfachlichen Kompetenzen in der Unternehmenspraxis“ (Moser 2018:37) für qualifizierte Fach- und Führungskräfte beforscht. Ihre Interviewpartner:innen, die sich aus Personalverantwortlichen von Unternehmen verschiedener Branchen zusammensetzten, stuften überfachliche Kompetenzen als gleichwertig oder auch als wichtiger ein als fachliche Kompetenzen. Natürlich ersetzen sie fachliche Kompetenzen nicht, vielmehr geht es um ein Zusammenspiel von fachlichen und überfachlichen Kompetenzen (Moser 2018). Aber nicht nur im beruflichen Kontext haben Soft Skills an Bedeutung gewonnen. Maria Laura Puerta et al. konstatieren darüber hinaus: “Finally, […] socioemotional skills increase the well-being of the population, as individuals increase their optimism levels, improve their selfconcepts, and form healthier relationships, among other outcomes” (Puerta et al. 2016:2).

Die psychosomatische Reha

Die beiden Säulen der Behandlung von psychischen Erkrankungen im stationären psychosomatisch-psychotherapeutischen Bereich sind in Deutschland die psychosomatische Rehabilitation und die Krankenhausbehandlung (Köllner et al. 2021:19). In der psychosomatischen Reha werden chronische psychische Erkrankungen wie bspw. Depressionen, Anpassungsstörungen und Posttraumatische Belastungsstörungen oder Angststörungen behandelt. Die Reha basiert auf einem ressourcenorientierten und biopsychosozialen Modell von Gesundheit (Ostholt-Corsten 2021) und bietet eine multimodale Behandlung, die u.a. ärztliche und psychotherapeutische Therapien, Psychoedukation, Künstlerische Therapien, Sport- und Bewegungsangebote, Ergotherapie, Entspannungsverfahren und Leistungen zur sozialen und beruflichen Integration sowie die Vorbereitung nachgehender Leistungen enthält (DRV ktl-broschuere_2025.pdf). Die Qualität der Zusammenarbeit der verschiedenen Professionen wird als einer der wichtigsten Faktoren für eine erfolgreiche Reha genannt (Xyländer / Meyer 2021). Aufgenommen werden diejenigen Klient:innen, die eine medizinische Indikation, eine körperliche und seelische Belastbarkeit sowie eine positive Prognose vorweisen können (Henkel 2025). Bei Beendigung der Reha wird, im Gegensatz zum Krankenhausaufenthalt, bei allen Rehabilitand:innen eine sozialmedizinische Beurteilung erstellt, welche die Form der Arbeitsfähigkeit einschätzt. Eine Herausforderung für Therapeut:innen in der psychosomatischen Reha ist das heterogene Klientel: einerseits Menschen, die noch gut in ihrem Beruf und Alltag funktionieren und andererseits stark beeinträchtige Personen. So treffen, in einem Zeitrahmen von 4-6 Wochen, in den Gruppentherapien Menschen mit den unterschiedlichsten Schweregraden von Krankheit aufeinander. Trägt die Deutsche Rentenversicherung die Kosten, ist das Ziel laut Sozialgesetzbuch § 10 die Vorbeugung vor Verlust der Erwerbsfähigkeit, die Wiederherstellung der Erwerbsfähigkeit oder das Verhindern des Ausscheidens aus dem Erwerbsleben (Streibelt 2020). Darüber hinaus sind bei etwa 60% der Rehabilitand:innen Probleme am Arbeitsplatz anzutreffen (Muschalla 2020). Nach Michael Linden sind zudem Verbitterungszustände besonders häufig und „stellen ein besonderes therapeutisches Problem dar“ (Linden 2020:319). Michael Bassler (2020) führt an, dass ein besonderes Behandlungsproblem in der Reha in dem bewussten oder auch unbewussten Rentenbegehren der Rehabilitand:innen liegt, welches Schätzungen zufolge ca. 20% der Klient:innen betrifft. Dies bedeutet, dass es aus deren Sicht keinen positiven Krankheitsverlauf geben darf, damit die Rente bewilligt wird. 

Alle diese Faktoren nehmen Einfluss auf die Art der Behandlung und den Behandlungsverlauf.

Tanz- und Bewegungstherapie

Um die Tanz- und Bewegungstherapie in den Kontext der psychosomatischen Reha einzuordnen, wird zunächst ein grundlegender Einblick in diese noch wenig bekannte Therapiemethode gegeben. Welchen Stellenwert hat sie in der multimodalen Behandlung und wie sind die Konzepte der Ästhetisch-Kulturellen Bildung und der Soft Skills mit Tanz und Tanz- und Bewegungstherapie verbunden? 

Was ist Tanz- und Bewegungstherapie?

Gerade mit dem Begriff des Tanzes sind viele unterschiedliche und oftmals einseitige Assoziationen verbunden, die bei der älteren Generation bspw. eher von Erfahrungen eines Tanzkurses im Gesellschaftstanz und bei Jüngeren durch Tanz in Musikvideos in den sozialen Medien geprägt sein können. Zeitgenössische Konzepte, die traditionelle tänzerische Formen aufbrechen und neu definieren und die u.a. Themen wie Identität, Diversität und Gender sowohl diskutieren als auch choreographisch umsetzen, sind hingegen noch wenig über ein tanzinteressiertes Publikum hinaus bekannt. Im Tanz unterscheiden wir traditionell Volkstanz, Gesellschaftstanz und den künstlerischen Tanz. Immer wieder entwickeln sich heute neue Tanzstile wie Shuffle, Voguing oder Gaga, die von verschiedenen, oft jüngeren Menschen zum Vergnügen getanzt werden. Klient:innen in der Reha fürchten oft, dass sie in der Tanz- und Bewegungstherapie Tanzschritte lernen und somit Leistung erbringen oder sich im Tanz „zum Affen“ machen müssen, wie ich (N.H.) es von den Rehabilitand:innen oft hörte. Meist wird jedoch mit improvisierter Bewegung gearbeitet, die von der Therapeut:in strukturiert wird. Das Erforschen bspw. eines großen und kleinen Körperumraums, d.h. des Raums um den Körper herum, den die Extremitäten ohne eine Fortbewegung im Raum erreichen können, kann verschiedene Bewegungen, Gefühle und Gedanken hervorrufen. Bewegungen können so individuell verschieden ausgeführt werden. Der Fokus liegt auf dem Prozess des Bewegens und den damit verbundenen Gefühlen, Gedanken und Erkenntnissen und nicht auf einem künstlerischen Werk, das aufgeführt wird. Oder wie Sabine Koch und Diana Fischmann schreiben: „Tanz- und Bewegungstherapie wurde als Heilverfahren entwickelt, in dem Bewegung und Tanz Medium sind, um Kommunikation zu ermöglichen, Blockaden festzustellen und auf nonverbaler und verbaler Ebene zu intervenieren“ (Koch / Fischmann 2014:6). Über den Tanz und die Bewegung werden Körper, Kognition und Emotion miteinander verbunden, was Tänzer:innen, egal ob im Freizeit- oder Profibereich, ob heute oder vor 2000 Jahren, immer wieder erfahren. Wissenschaftlich gestützt wird diese Erfahrung durch die Embodiment-Forschung, die gezeigt hat, dass sich der Körper immer in Wechselwirkung mit Kognitionen und Emotionen befindet (Geuter 2015, Koch 2011). Zahlreiche empirische Studien belegen zudem, dass Tanztherapie therapeutisch wirksam ist (Ezeh et al. 2023; Karkou et al. 2019; Koch / Bräuninger 2020; Shuper Engelhard et al. 2021).

Tanztherapeutische Ansätze sind von den unterschiedlichen psychotherapeutischen Schulen beeinflusst, es gibt psychodynamische, humanistische, systemische und verhaltenstherapeutische Ansätze. Die therapeutische Beziehung wird über die Bewegung vertieft (BTD Berufsverband der TanztherapeutInnen Deutschlands e.V. (BTD) - Der tanztherapeutische Prozess; Koch / Fischmann 2014). In der Tanz- und Bewegungstherapie wird salutogenetisch orientiert gearbeitet, was Ressourcen fördert und Resilienz stärkt. Gleichzeitig werden über die Bewegung Verhaltensmuster erkennbar und es können neue Handlungsmöglichkeiten im Sinne des Probehandelns ergründet werden (BTD). In der künstlerischen Betätigung geschehen Irritationen und Unerwartetes oder, wie Peter Sinapius schreibt, eine „Erfahrung des Fremden, Unbekannten und des Unverfügbaren“ (Sinapius 2015:21). Durch den Übertrag der Emotionen, Gedanken und Handlungsimpulse in ein künstlerisches Medium, zum Beispiel Tanz, Bild, Musik oder Sprache, die alle in der Tanztherapie verwendet werden können, entsteht eine Distanzierung und ein Perspektivenwechsel, sodass Handlungsspielräume erweitert werden können, ein Prozess, der als Dezentrierung bezeichnet wird (Knill 2005). Das reflektierende Gespräch unterstützt dabei den Transfer vom Bewegungsgeschehen in den Alltag (BTD), indem es die mit dem künstlerischen Prozess verbundenen Gefühle und Gedanken thematisiert. Zeigt sich in der Improvisation beispielsweise eine Vorliebe für abrupte und plötzliche Bewegungen, kann die Therapeut:in nachfragen, ob dies nur ein Bewegungsmerkmal ist, oder sich vielleicht auch im Beziehungsverhalten zeigt. Dies kann, muss aber nicht sein.

Die Tanz- und Bewegungstherapie hat aufgrund ihrer Herkunft aus dem Tanz „ein eigenes Theoriegebäude“ (Geuter 2015), das bewegungsanalytische Konzepte einbezieht. Sie unterscheidet zwischen übungszentriertem, erlebniszentriertem und konfliktzentriertem Vorgehen. Gleichzeitig bedient sie sich neben den künstlerischen Mitteln auch körpertherapeutischer und körperpsychotherapeutischer Methoden. Körperpsychotherapie wird von Ulfried Geuter als „Behandlung mit den Mitteln des Körpers und der Seele“ und Körpertherapie als „Behandlung mit den Mitteln des Körpers“ definiert (Geuter 2015:17).

Ästhetisch-Kulturelle Bildung im Tanz und in der Tanz- und Bewegungstherapie 

Tanzinterventionen haben, unabhängig davon, ob es sich um tanztherapeutische oder nichttherapeutische Tanzformen handelt, einen nachweislich positiven Einfluss auf die mentale Gesundheit (Moratelli et al. 2023). McKenzie et al. (2021) schlagen vor, Tanz zusätzlich zu therapeutischen Ansätzen in der psychischen Gesundheitsförderung einzusetzen. Vor dem Hintergrund dieser Forschungslage habe ich (L.T.) im Rahmen eines Praktikums an einer psychosomatischen Klinik ein Tanzangebot durchgeführt, das freiwillig gewählt werden konnte. Anhand dieses Angebots stelle ich hier erste Schlussfolgerungen darüber an, welchen Beitrag Tanzvermittlung im klinisch-psychosomatischen Setting zusätzlich zur Tanz- und Bewegungstherapie leisten könnte. 

Die Einheiten umfassten Phasen des freien Tanzens zu populären Musiktiteln sowie strukturiertere Tanzübungen, sanfte Dehnungen, Atemübungen und Lockerungstechniken. Die strukturierten Tanzinterventionen fungierten als Inspirationen, die den Zugang zum freien, d.h. improvisierten Tanzen erleichtern sollten. Sie basierten sowohl auf Rudolf von Labans Bewegungskategorien (Büche / Kennedy 2017), die in der Tanztherapie und im Tanz Anwendung finden, als auch auf Gabriele Kleins Choreografischem Baukasten (Klein 2024). Dieser vermittelt tänzerische Interventionen für Chorerograf:innen, aber auch für Tanzvermittler:innen, die im Bereich der Kulturellen Bildung tätig sind. Das Inventar an zeitgenössischen Interventionen ermöglicht es, Kunstvermittlung als ein „Experimentierfeld des Ästhetischen und Sozialen“ (Klein 2024:51) zu gestalten. 

Die Zielsetzung meines Tanzangebots lag darin, experimentierend-gestaltende Erfahrungen mit Tanz und Bewegung zu ermöglichen, mit sich selbst und in der Gruppe. (Körper-)Psychotherapeutische Verfahren zielen hingegen darauf ab, das Erleben und Verhalten der Klient:innen im Sinne einer Behandlung der vorliegenden psychischen Störung zu verändern (Wirtz 2022). Neben der Ressourcenaktivierung sind die therapeutische Beziehung sowie störungs- und problemspezifische Interventionen daher integraler Bestandteil einer Therapie (Grawe 2004). Die Tanztherapie bewegt sich in diesem Spannungsfeld zwischen künstlerischer Praxis und therapeutischem Auftrag.

Handelt es sich aber bei der Therapie auch um einen Bildungsprozess? Verstehen wir Bildung als einen lebenslangen Lernprozess, in den sich das Individuum freiwillig begibt, indem es sich in Situationen wagt oder mit Gegenständen auseinandersetzt, die für die Person Erkenntnisse hervorbringen und in dem der Prozess durch die „Motivation, Interessen und Zielvorstellungen“ (Reinwand 2012:109) des Individuums bestimmt ist, würden die Autorinnen sagen: Ja. Therapie wird damit als ein Forschungsprozess verstanden, der zwar immer wieder von Therapeut:innen strukturiert, aber vom Individuum bestimmt wird. Linderung von Symptomen, Umgang mit Krankheitsfolgen und Wiedergewinnung von Sinnhaftigkeit und Lebensqualität wären die angestrebten Ziele dieses Prozesses. 

Im Folgenden argumentiere ich (L.T.), dass Ästhetisch-Kulturelle Bildung in der Tanzvermittlung und der Tanztherapie aufgrund ihrer differenten Aufträge mit jeweils unterschiedlichen Fokussen stattfindet. Die künstlerische Praxis im Tanz ist die Basis sowohl für die improvisationsorientierte Tanzvermittlung als auch für die Tanztherapie. Die Tanztherapie würde mit ihrem therapeutischen Auftrag mehr auf eine Neugestaltung des Selbstbezugs abzielen, indem sie tänzerische Methoden nutzt, um intra- und interpersonelle Themen zu bearbeiten. Die zeitgenössische Tanzkunst verhandelt zwar ebenfalls persönliche und lebensweltorientierte Themen, im Unterschied zur Tanztherapie jedoch nicht unter einer therapeutischen Zielsetzung und mit therapeutischen Methoden. Die Tanzvermittlung würde die Bildung in der Kunstform Tanz fokussieren und dabei verstärkt auch das künstlerische Objekt an sich mitverhandeln: den Tanz und seine Verflechtungen mit den historischen und soziokulturellen Gegebenheiten sowie gesellschaftlichen Diskursen. Obwohl Tanzvermittlung und Tanztherapie beide Bildungsprozesse anstoßen können und über eine gemeinsame tanzkünstlerische Basis sowie ähnliche tänzerische Interventionen verfügen, führen ihre verschiedenartigen Aufträge folglich zu wesentlichen Unterscheidungen, die im Weiteren anhand konkreter Praxisbeispiele verdeutlicht werden sollen.

Im Tanzangebot arbeitete ich bspw. mit dem Thema Raumnutzung. Hierzu ging die Gruppe zunächst auf eigenen Wegen durch den Raum, während auf Anweisung hin die Gehgeschwindigkeiten, die Gehrichtungen und die Kurvigkeit bzw. Geradlinigkeit der Gehwege verändert wurden. Diese Aspekte der Zeit und des Raumes sind wichtige Elemente der Laban-Bewegungskategorien und ermöglichen eine niedrigschwellige Erweiterung des individuellen Bewegungsrepertoires (Büche / Kennedy 2017). Die schnelle Aufeinanderfolge an Bewegungsinputs bewirkte eine hohe Bewegungsenergie und körperliche Auslastung der Gruppe. Diese eigenleibliche, handlungsorientierte Betätigung diente dem Selbstzweck des Tanzens und kulminierte in einer Art Selbstvergessenheit. Die kinästhetische Erfahrung führte hier zu einem veränderten Zeiterleben, einem Flow-Zustand, der sich von der lebensweltlichen Erfahrung unterscheidet: der „Perspektivwechsel von alltagspragmatischen Notwendigkeiten hin zum fantasievollen Spiel kann als genussvoll und alltagsentlastend erfahren werden“ (Freytag 2013:64f.). Dieses Flowerleben kann auch in der Tanztherapie entstehen. Diese nutzt die aisthetische Erfahrung der Bewegung und Leiblichkeit jedoch häufig eher im Zuge einer gesteigerten Selbstwahrnehmung (Willke 2010) und zur anschließenden Reflexion über sich selbst und (je nach tanztherapeutischer Ausrichtung) weniger über die choreografische Formung des Tanzes. Wie fühlt es sich an, schnell zu sein? Was hilft mir, mich trotz hoher Geschwindigkeit im Raum zu orientieren? Wie kann ich mein eigenes Tempo regulieren? Die Erweiterung des Bewegungsrepertoires durch dasselbe Tanzangebot würde in der Tanztherapie darauf abzielen, den „Anforderungen des Lebens durch adäquates Agieren und Reagieren begegnen zu können“ (Büche / Kennedy 2017:117). Der therapeutische Auftrag führt folgerichtig zu einer lebensweltorientierten Reflexion der tänzerischen Intervention. 

Ein weiteres Beispiel einer Tanzintervention und ihrer verbalen Reflexion verdeutlicht die unterschiedlichen Zielsetzungen. Hier steht der Beziehungsaspekt im Vordergrund, eine weitere Kategorie der Laban-Bewegungsanalyse (Büche / Kennedy 2017). Die Aufgabe bestand darin, in einem Trio die sechs Hände miteinander in Interaktion treten zu lassen. Angelehnt an die Tanzvermittlungspraxis der Choreografin und Performerin Prof. Mariel Renz stellte ich den Tänzer:innen nach dem Tanz der Hände Fragen, die das Präzisieren und Variieren als zentrale künstlerische Tools zur Bearbeitung und Gestaltung von Tanzbewegungen aufgreifen (Klein 2024): Welche Momente waren interessant und überraschend? Was könnte in einer Wiederholung der Improvisation erneut aufgegriffen, verändert oder hinzugenommen werden? Diese Fragen können zwar eine innerliche Auseinandersetzung mit persönlichen Themen anstoßen, zielen aber nicht darauf ab. Die mit der Kunsterfahrung einhergehenden Kompetenzen sind hier zunächst auf das „Gelingen einer wahrnehmenden und gestaltenden Auseinandersetzung mit Kunst gerichtet“ (Hentschel 2010:245) und werden nicht uneingeschränkt auf andere Praxisfelder angewendet. Zeigen sich dabei zusätzlich Themen, Gedanken und Gefühle, die in Bezug zu einer psychischen Erkrankung stehen, ist eine tanzvermittelnde Person nicht dazu ausgebildet, mit diesen umzugehen und kann damit auch überfordert sein. Was tut man, wenn jemand dissoziiert, Suizidgedanken äußert, von einer innerlichen Erstarrung berichtet oder Ängste und Panikattacken auftauchen? In der Tanztherapie ist der Transfer zwischen tänzerischem Tun und persönlichen Themen hingegen intendiert. Im Anschluss an die Intervention könnten die individuellen Fähigkeiten zur Beziehungsgestaltung reflektiert werden. Wie empfinden die Tanzenden z.B. Nähe und Distanz oder wie aktiv bzw. passiv gestalten sie den Kontakt. Die Analyse der zwischenmenschlichen Dynamiken und erlebten Emotionen sowie Körperreaktionen wird dann in einer Transferleistung auf die eigene Lebenswelt übertragen.

Anhand der Praxisbeispiele wird deutlich, dass in dem Tanzangebot Methoden der Tanzkunst vermittelt wurden, das Tanzen jedoch keinem weiteren Zweck als dem Tanz selbst diente. Das bedeutet nicht, dass derartige Tanzangebote keine Funktionen erfüllen, ästhetische Erfahrungen können dem Ausdruck, der Unterhaltung, der Erkenntnis und vielem mehr dienen, aber dennoch liegt der Zweck primär „in der Erfahrung selbst begründet“ (Brandstätter 2012:175). Die ästhetische Erfahrung kann auch in der Tanztherapie zweckfrei erlebt werden, dennoch ist diese langfristig stets auf die Verfolgung von Therapiezielen ausgerichtet. So finden sich in den Künstlerischen Therapien mitunter Interventionen, die explizit „der Ausbildung von Kompetenzen dienen und so auf die Krankheitssymptome Einfluss nehmen“ sollen (Behfeld / Sinapius 2021:15). Die kompetenzausbildenden Ansprüche an den Tanz sind jedoch nicht auf die Therapie beschränkt, auch im Kontext Kultureller Bildung findet sich der Ansatz, Kulturpädagogik als „Lebenspädagogik“ zu begreifen (Fuchs 2008:177), wie es die Forschung zur Förderung von Soft Skills durch Tanz aufgreift. Als alternative Herangehensweise an Ästhetisch-Kulturelle Bildung plädiert Ulrike Hentschel dafür, dass „die rezeptive und produktive Kunsterfahrung des Subjekts in ihrer konstitutiven Bedeutung für die Bildung eben dieses Subjekts anerkannt wird und nicht lediglich als ‚Vor-Erfahrung‘ im Hinblick auf ein gesellschaftlich verwertbares Interesse betrachtet wird“ (2010:74). Tanzvermittlung in Rehakliniken könnte diesem Vorschlag gerecht werden, indem innerhalb der medizinisch-therapeutischen Institution ein therapiezielfreier Rahmen geschaffen wird, der es den Klient:innen ermöglicht, die Aufmerksamkeit weg von ihrem alltäglichen Problembewusstsein zu lenken und sich mit einem künstlerischen sowie körperlichen Thema jenseits ihres Lebens- und Therapiealltags zu befassen. Das Tanzangebot weist dann trotz oder vielleicht gerade wegen seiner künstlerischen Selbstbezüglichkeit ein individuell bildendes Moment auf. Die ästhetisch-kulturellen Erfahrungen und Erkenntnisse, „die das sich bildende Subjekt in dieser Auseinandersetzung gewinnt“, wie es Hentschel formuliert (2010:245), sind dabei aufgrund ihrer Subjektgebundenheit nicht gezielt steuerbar. Die Tanzvermittlung verfolgt dann zwar kein konkretes (therapeutisches) Ziel, hat aber sehr wohl eine Wirkung. 

Die Ästhetisch-Kulturellen Bildungsprozesse in Tanzvermittlung und Tanztherapie lassen sich mithilfe des von Sabine Koch (2017) entwickelten Modells der verkörperten Ästhetik verstehen, welches den Prozess des künstlerischen Handelns beschreibt:

Abbildung 1
Abb. 1: Modell der verkörperten Ästhetik. Koch 2017:97 in Koch / Martin 2017.

Das Modell beschreibt den Kreislauf von Wahrnehmen, Resonanz und künstlerischem Gestalten, also einer Verbindung der rezeptiven und aktiven Seite der Kunst. Beim Tanzen nehme ich den Körper und die Umwelt sinnlich wahr, gleichzeitig gestalte ich in der Bewegung diesen Wahrnehmungsprozess, oder auch die Resonanz, in künstlerischer Weise – dabei ist es eine individuelle Entscheidung, „welche Bewegungen oder Prozesse bewusst werden und welche nicht“ (Koch / Martin 2017:98). Übertragen auf den therapeutischen Prozess ist es möglicherweise die Therapeut:in, die Hilfestellung leistet, indem sie die Wahrnehmung der Klient:innen auf unterschiedliche Aspekte lenkt und somit die Bewusstwerdung unterstützt. In diesem Modell lassen sich einige Faktoren des Ästhetisch-Kulturellen Lernens nach Braun und Schorn (2012) wiederfinden, insbesondere die Handlungsorientierung, die Freiwilligkeit des Sich-Einlassens, ohne die unserer Erfahrung nach nur schwierig eine Resonanzerfahrung möglich wird, Selbstwirksamkeitserfahrung (ich kann etwas gestalten) und Offenheit für Vielfalt (aus derselben Quelle entstehen unterschiedliche künstlerische Gestaltungen). Auch Ursula Brandstätter (2012) beschreibt als Aspekt ästhetischer Erfahrung die leibsinnliche Wahrnehmung, die nicht nur die handelnde Person, sondern auch das im Äußeren wahrgenommene Kunstwerk oder ästhetische Objekt betrifft, wobei im Tanz ästhetisches Objekt und ausführende Person oftmals zusammenfallen. „In der ästhetischen Erfahrung gehen Ich-Erfahrung und Welt-Erfahrung eine Einheit ein“ (Brandstätter 2012:176). 

Tanz in Rehakliniken, sowohl in Form von Tanzvermittlung als auch von Tanztherapie, erweitert die Therapie um neue Bezüge, da die Reflexion über den (eigenen) Tanz immer auch eine Reflexion über seine ästhetisch-symbolische Bedeutungsebene, seine synästhetischen Bezüge zu anderen Kunstformen und über das im Tanz enthaltene kulturelle Wissen ist, welches kollektive Werte, Normen und Körperideale widerspiegelt (Fleischle-Braun 2012). Durch die historische, kulturelle und soziale Bedingtheit des Tanzes (Klepacki 2008) ist der Bezug zur Außenwelt dem Tanz inhärent. 

Es sei noch angemerkt, dass sich die Tanztherapie in der Praxis nicht auf tanzkünstlerische Interventionen beschränkt, sondern über ein breites Spektrum an körper- und bewegungstherapeutischen Methoden verfügt. Deren Ziel liegt vor allem im „Wahrnehmen und Verändern von affektmotorischen Schemata“ (Geuter 2015) und unterstützt damit die therapeutische Zielsetzung der Tanztherapie.

In beiden Kontexten, sowohl in der Tanztherapie als auch in der Tanzvermittlung, werden ästhetische Erfahrungen ermöglicht. Der Fokus liegt im therapeutischen Kontext jedoch mehr, wie eingangs erwähnt, auf einem Forschungs- und Erkenntnisprozess, in dessen Folge Symptome gelindert, ein anderer Umgang mit Krankheitsfolgen und die Wiedergewinnung von Sinnhaftigkeit und Lebensqualität angestrebt wird. In der Tanzvermittlung können ebenfalls Kompetenzen wie z.B. Soft Skills als Folge der künstlerischen Auseinandersetzung entwickelt werden – dies ist jedoch nicht die ursächliche Zielsetzung, denn diese ist auf die Auseinandersetzung mit dem künstlerischen Medium als Kunstform ausgerichtet.

Während Tanz als verkörperte Ästhetik im Allgemeinen einen Raum für Ästhetisch-Kulturelle Bildungsprozesse öffnet, verfügt die Tanztherapie über das besondere Potenzial, eigenleibliche Kunsterfahrungen für den Gesundungsprozess nutzbar zu machen, wohingegen Tanzvermittlung im Rehakontext einen individuellen Bildungsprozess jenseits institutionalisierter Therapieziele ermöglichen kann. Gerade in dieser Freiheit liegt unseres Erachtens das Potential des Tänzerischen in der psychosomatischen Reha. 

Soft Skills im Tanz und in der Tanz- und Bewegungstherapie

Viele Projekte der Ästhetisch-Kulturellen Bildung verfolgen neben der Vermittlung von künstlerischen Kompetenzen explizit die Förderung von Soft Skills. Da Soft Skills gerade im Rehabereich mit der Ausrichtung auf das Arbeitsleben eine große Rolle spielen, wird hier auf diesen Zusammenhang eingegangen. Das Projekt Empowering Dance - The Soft Skills Teaching and Learning Approach (Soft Skills in Dance) erforschte von 2018-2020 anhand von vier zeitgenössischen Tanzprojekten mit nichtprofessionellen Tänzer:innen, ob die Beteiligten eine Förderung ihrer Soft Skills erlebten, wobei sie eine Karte von Soft Skills nutzten, die im Vorläuferprojekt Empowering Dance – Developing Soft Skills entwickelt wurde.

Abbildung 2
Map_of_soft_skills_print_DE.pdf

In allen vier Gruppen wurde die Förderung von Soft Skills positiv bestätigt. Aus dem Projekt entwickelte sich ein online einsehbares Handbuch, in dem Tanzanleitungen zur Förderung von Soft Skills, mit beigefügten reflektierenden Fragen, einsehbar sind. Marcela Santander Corvalán, eine der beteiligten Choreograf:innen, macht die Bedeutung von Soft Skills im Tanz deutlich: „The Project is interesting as it places dance at the same level as other practices in society. […] To state that the dance, the body and what we work on goes beyond the studio we work in gives me the power to imagine tools that can be applied in other sectors of the society too” (Santander Corvalán, o.D.). Wenn Santander Corvalàn hier davon spricht, dass Kompetenzen, die durch den Tanz entwickelt werden, außerhalb des Studios und in anderen Bereichen der Gesellschaft ihre Anwendung finden, so hat dieser Transfer sowohl in der Tanz- und Bewegungstherapie, in der der Tanz therapeutisch genutzt wird, wie auch in den tänzerischen Projekten der Kulturellen Bildung stattgefunden. Wiederum kann hier diskutiert werden, ob sich die tänzerischen Methoden verändern, wenn man sie nicht ursächlich als künstlerische, sondern als therapeutische oder pädagogische Maßnahme einsetzt, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen, in diesem Fall die Förderung von Soft Skills.

Tanz- und Bewegungstherapie in der psychosomatischen Reha   

Was bedeuten diese Ausführungen für die Tanz- und Bewegungstherapie in der psychosomatischen Reha? Eine Metaanalyse der World Health Organization (WHO) zeigt, dass Kunst positive Auswirkungen auf die mentale Gesundheit hat (WHO Europe What is the evidence on the role of the arts in improving health and well-being? A scoping review). Überregionale Projekte wie „Kunst auf Rezept“ (VHS Bremen Kunst auf Rezept) erforschen die gesundheitsfördernden Aspekte von künstlerischen Betätigungen in der Gruppe. Durch die Künstlerischen Therapien finden künstlerische Arbeitsweisen Eingang in die psychosomatische Reha. 

Die Künstlerischen Therapien sind in der Klassifikation der therapeutischen Leistungen in der medizinischen Rehabilitation (DRV ktl-broschuere_2025.pdf) unter „F Klinische Psychologie/Neuropsychologie“ aufgeführt (ebd.). Die von der KTL genannten Therapieziele für alle Künstlerischen Therapien sind die Reduktion von Spannungszuständen, die Steigerung der emotionalen Aufgeschlossenheit, die Stärkung des Selbstwertgefühls, die Aufarbeitung von biografischen Problemen und sozialen Konflikten sowie die Verbesserung der Krankheitsbewältigung und die Stärkung der (psycho-)sozialen Kompetenz (ebd.). Diese Ziele lassen sich den Soft Skills des empowering dance Projekts zuordnen. Allein die Aufarbeitung von biografischen Problemen geht über die Idee von Soft Skills hinaus, indem sie auf die Bearbeitung von intrapsychischen Prozessen verweist. 

Beate Leinberger et al. (2020) definieren drei übergreifende Problemfelder von psychosomatischen Klient:innen, die die körperliche Komponente in den Vordergrund rücken und die oben genannten Ziele körperlich anbinden. Dabei ordnen die Autor:innen die Tanztherapie unter den körperorientierten Methoden ein, bezeichnen sie aber nicht als künstlerische Therapie. Die Problemfelder sind: 

  1. Eine erhöhte Wahrnehmung von Muskelspannung und körperlichen Mustern, die normalerweise unbewusst bleiben, führt zu Missempfindungen im körperlichen Erleben (unserer Erfahrung nach ist diese Wahrnehmung in vielen Fällen auch reduziert, sodass der Körper nicht wahrgenommen wird oder beide Varianten treten in unterschiedlichen Situationen auf). 
  2. Die Verknüpfung des Körpergeschehens mit emotionalen Vorgängen ist reduziert. 
  3. Die intuitive Autoregulationsfähigkeit ist eingeschränkt (Leinberger 2020:88). 

Eric Therstappen, Chefarzt Psychosomatik (2025), erklärt die Rolle der künstlerischen Therapien in der multimodalen Behandlung in der Reha in einer mir (N.H.) vorliegenden E-Mail: „Künstlerische Therapie hat einen wichtigen Stellenwert, insbesondere im Rahmen einer psychosomatischen Behandlung.  Betroffene finden nicht selten erst durch den nonverbalen und/oder körperorientierten Ansatz zu ihren Themen und dadurch zu einer möglichen Integration psychischer und körperlicher Prozesse.“ Hier leistet die Tanz- und Bewegungstherapie mit ihren körperorientierten und künstlerischen Angeboten eine wichtige Arbeit – mit einem klaren therapeutischen Auftrag. 

In der psychosomatischen Reha bedeutet eine Verweildauer von ca. 4-6 Wochen, dass Klient:innen meist einmal in der Woche ein tanz- und bewegungstherapeutisches Angebot erhalten, oftmals in Gruppen, in denen einzelne Klient:innnen kommen und gehen. Dabei trifft auch auf Tanz- und Bewegungstherapeut:innen zu, dass sie mit den besonderen Schwierigkeiten der Reha umgehen müssen: hierzu zählen die unterschiedlichen Schweregrade von psychischer Erkrankung, die die Menschen mitbringen, sowie die unterschiedlichen Motivationslagen der Rehabilitand:innen und oftmals die Nichtfreiwilligkeit des Angebots, wenn Tanz- und Bewegungstherapie verordnet und nicht frei gewählt wird. Wie schon im Praxisbeispiel erwähnt, liegt hierin eine Variable, die einen großen Einfluss auf den Einsatz der Methoden und die Möglichkeit einer ästhetisch-kulturellen Erfahrung mit sich bringt. Unserer Erfahrung nach begünstigt die Freiwilligkeit eine solche Erfahrung stark. Mit Waibel (2019) finden Körper- und Bewegungstherapeut:innen (an dieser Stelle übertragen auf Tanz- und Bewegungstherapie) hier eine Vielzahl von Umgangsweisen mit diesen Problematiken. Es erfordert eine hohe Flexibilität der Therapeut:innen, die oftmals von Gruppe zu Gruppe ihren Arbeitsstil anpassen, um die Menschen zu erreichen, die Neuankömmlinge zu integrieren und Rehabilitand:innen zu verabschieden. Es gilt, eine therapeutische Beziehung auch zu den eher skeptischen Personen aufzubauen, die ein Rentenbegehren haben oder sich zur Tanz- und Bewegungstherapie gezwungen fühlen, weil ihnen diese verordnet wurde, und sie in die Gruppe zu integrieren. Manche dieser Menschen begeistern sich nach einer Weile für die Therapieform, aber es bedarf dafür eines intensiven Beziehungsaufbaus, für den eine Vielzahl von Methoden genutzt werden. Diese gehen über tänzerische Methoden hinaus und Tanztherapeut:innen nutzen unserer Erfahrung nach ebenso körper- und körperpsychotherapeutische Verfahren oder sportlich-spielerische Zugänge zu Bewegung. Zudem ist für viele Personen in der Psychosomatik der Körper an sich schambehaftet oder negativ konnotiert. Tanz- und Bewegungstherapeut:innen haben eine große Expertise entwickelt, mit diesen Problematiken umzugehen. Abschließend lässt sich konstatieren, dass ästhetisch-kulturelle Erfahrungen in der Tanz- und Bewegungstherapie in der psychosomatischen Reha umso mehr aktiviert werden, je mehr diese tänzerische Methoden nutzen kann.

Soziale Arbeit

Genauso vielfältig wie die Tanz- und Bewegungstherapie ist auch die Soziale Arbeit. Im Gesundheitswesen in Deutschland ist die Soziale Arbeit nicht nur in Krankenhäusern, Rehabilitationskliniken oder Beratungsstellen tätig, sondern auch in vielen anderen Handlungsfeldern wie dem Kinder-, Erwachsenen- oder Opferschutz, der betrieblichen Sozialarbeit, Suchthilfe, Wohnungslosenhilfe, Schulsozialarbeit, Paar- und Erziehungsberatung sowie der Arbeit mit Menschen mit Einschränkungen und der Altenhilfe (dvsg Selbstverständnis). Sie orientiert sich an einem biopsychosozialen Modell von Gesundheit und nimmt damit sowohl das Individuum als auch die auf das Individuum einwirkenden Umweltfaktoren in den Blick. Innerhalb dieser Handlungsfelder arbeitet die Soziale Arbeit mit „Therapie und Beratung, Gruppenarbeit und Gemeinwesenarbeit, [der] Formulierung und Analyse von politischen Maßnahmen sowie Fürspracheaktivitäten und politische[n] Interventionen“  (dbsh: Deutscher Berufsverband für Soziale Arbeit e.V.). 2014 wurde eine Definition Sozialer Arbeit von der International Federation of Social Workers (IFSW) veröffentlicht, die Arbeitsverständnisse der 116 Mitgliedstaaten berücksichtigte und in die unterschiedliche historische Entwicklungen einflossen. Jedes Land hat diese Definition um eigene Anmerkungen ergänzt (ebd.). „Soziale Arbeit fördert als praxisorientierte Profession und wissenschaftliche Disziplin gesellschaftliche Veränderungen, soziale Entwicklungen und den sozialen Zusammenhalt sowie die Stärkung der Autonomie und Selbstbestimmung von Menschen. Die Prinzipien sozialer Gerechtigkeit, die Menschenrechte, die gemeinsame Verantwortung und die Achtung der Vielfalt bilden die Grundlage der Sozialen Arbeit. Dabei stützt sie sich auf Theorien der Sozialen Arbeit, der Human- und Sozialwissenschaften und auf indigenes Wissen. Soziale Arbeit befähigt und ermutigt Menschen so, dass sie die Herausforderungen des Lebens bewältigen und das Wohlergehen verbessern, dabei bindet sie Strukturen ein“ (ebd.). 

Die Strategien der Sozialen Arbeit, die sich als emanzipatorisch und damit als machtkritisch verstehen, möchten „Hoffnung, Selbstwertgefühl und das kreative Potential der Menschen“ (ebd.) stärken, damit sich diese gegen Strukturen wehren können, die Machtverhältnisse und Ungerechtigkeit zementieren. Auch Julia Gebrande und Marion Mayer (2024) betonen, dass es Aufgabe der Sozialen Arbeit ist, die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse und deren Auswirkungen auf das Individuum in den Blick zu nehmen, um zwar nicht Therapie, Behandlung und Diagnostik zu verweigern, aber doch der pathologisierenden Sichtweise die Soziale entgegenzusetzen oder beide miteinander zu verbinden. Damit versteht sie sich als ganzheitlich im Sinne einer „Mikro-Makro-Dimension“ (ebd.).

Tanz in der Sozialen Arbeit

In sozialen Kontexten nutzt die Soziale Arbeit die Künste, um Menschen zu erreichen, sodass sich diese mit der Welt und sich selbst auseinandersetzen, mit anderen in Kontakt treten und neue Perspektiven einnehmen. Die Künste können „irritieren, erfreuen und trösten“ (Meis 2018:32). Claudia Behrens und Wolfgang Tiedt (2018:155) benennen u.a. folgende Faktoren, die den Tanz für die Soziale Arbeit attraktiv machen: 

  1. Mit der Einbindung von Tänzen, die die jeweilige Zielgruppe kennt, knüpft man an deren Interessen an und bietet einen Raum für das Zusammensein und der Lebensfreude. 
  2. Der Tanz kann ein positives Körpergefühl vermitteln, auch bei Personen, die ein schwieriges Verhältnis zu ihrem Körper haben, sei es aufgrund von Gewalterfahrungen, Sucht, Krankheiten oder körperlichen Einschränkungen. 
  3. Meist jugendliche, eher verschlossene Zielgruppen können über deren Tanz- oder Akrobatikkünste erreicht werden.
  4. Biografiearbeit kann unterstützt werden. 
  5. Das durch den Tanz entstehende Gemeinschaftsgefühl.

Gleichzeitig ist mit den künstlerischen Projekten oftmals die Hoffnung verbunden, dass dadurch sowohl Kompetenzen als auch Soft Skills gefördert werden, wobei sich hier je nach Autor:in die Begriffe überschneiden. Wie das Forschungsprojekt empowering dance gezeigt hat, erleben Teilnehmende tatsächlich eine Förderung ihrer Soft Skills. Ob es der Qualität eines Projektes allerdings förderlich ist, dieses daraufhin zu konzipieren, ist kritisch zu betrachten (Meis 2018). Auch aus der eigenen Erfahrung mit künstlerischen Projekten an Schulen scheint es den Autorinnen eine Überfrachtung der künstlerischen Arbeit zu sein, wenn bspw. verhaltensauffällige Kinder durch ein Performance-/Theaterprojekt Soft Skills erlernen sollen. Es stellt sich hier immer die Frage: Liegt der Schwerpunkt auf dem künstlerischen Projekt oder auf dem Erwerb von Soft Skills? Die Vermutung wäre, dass sich umso mehr Soft Skills entwickeln, je weniger diese im Fokus stehen, da sich dann eine intrinsische Motivation für die künstlerische Betätigung herausbilden kann. Trotzdem lässt sich konstatieren, dass Soft Skills wie bspw. Problemlösefähigkeit, Kreativität, Teamarbeit, Flexibilität und Anpassungsfähigkeit, Konfliktlösefähigkeiten, Stärken erkennen und Selbstbewusstsein, um nur einige zu nennen, für den großen Bereich der Bewältigung der Probleme am Arbeitsplatz, aber auch zur Alltagsbewältigung essenziell sind. Daher sind Soft Skills, die sich durch den Tanz entwickeln, auch für die Soziale Arbeit von Bedeutung.

Soziale Arbeit in der psychosomatischen Reha

In der Rehabilitation nutzt die Soziale Arbeit die Künste bisher noch selten. Sie verfolgt das Ziel, Rehabilitand:innen zu beraten und Ressourcen zu erschließen, und zielt auf „die Wiedergewinnung von Autonomie in der alltäglichen Lebensführung“ ab (dsvg Rehabilitation und Teilhabe). Es soll Teilhabe ermöglicht werden und dafür wird die Schnittstelle zwischen Person, Umwelt und Gesellschaft in den Blick genommen. Die Soziale Arbeit verfolgt hierbei das Verständnis, dass Teilhabe und Einschränkungen oder Behinderungen immer auch durch gesellschaftliche Verhältnisse geschaffen werden. Die Rückkehr oder Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt ist für das Arbeitsfeld der Sozialen Arbeit in der psychosomatischen Reha ein wichtiger Fokus, für die u.a. Manuale zur medizinisch-berufsorientierten Rehabilitation (MBOR) entwickelt wurden. Psychosoziale und sozialrechtliche Beratungen stehen hier im Zentrum und werden in Form von Einzelberatungen durchgeführt. Die KTL definiert für diese folgende Aufgaben: Informationsvermittlung, Selbstbefähigung, (psycho)soziale Stabilisierung, Entscheidungshilfe bei sozialen und sozialrechtlichen Fragen in Zusammenhang mit Krankheit und Behinderung sowie persönliche Hilfe bei Antragstellungen. Damit wird zu Fragen der wirtschaftlichen Sicherung, zu rechtlichen Belangen und zum Übergangs-, Kranken- und Arbeitslosengeld beraten (DRV ktl-broschuere_2025.pdf). Fragen und Anträge zu beruflichen Maßnahmen gehören ebenso zum Aufgabenfeld, wie die Rehabilitand:innen und deren Angehörige bei der Alltagsbewältigung zu unterstützen (Dettmers 2017 zit. in Dettmers 2017). Laut KTL ist ein weiteres Aufgabengebiet der Sozialen Arbeit der Umgang mit beruflichen Belastungen und Konflikten, die Erarbeitung von Veränderungsmöglichkeiten und Perspektiven und soziales Kompetenztraining. Die beiden letztgenannten Punkte können auch von Psycholog:innen, Ärzt:innen oder Sozialpädagog:innen durchgeführt werden (DRV ktl-broschuere_2025.pdf), wie auch ich (N.H.) es in der Reha-Einrichtung, in der ich arbeitete, kennengelernt habe. Eine besondere Herausforderung in der klinischen Sozialarbeit ist nach Christine Kröger et al. (2024), dass es bei schwer psychisch belasteten Personen zu einer Einengung des Verhaltensspielraums kommen kann und „dass sie kaum oder gar nicht von ‚eigentlich‘ förderlichen Veränderungen der Lebens- und Umweltbedingungen profitieren – zumindest, wenn nicht gleichzeitig an innerpsychischen Prozessen gearbeitet wird und Verhaltens- bzw. Verarbeitungsmöglichkeiten erweitert werden“ (Kröger et al. 2024:93). In die psychosomatische Reha kommen unterschiedlich schwer belastete Klient:innen, aber in jedem Fall sind, so meine (N. H.) Erfahrung, viele von ihnen durch ihre psychische Erkrankung in ihrem Verhaltensspielraum eingeengt. Mitarbeitende der Sozialen Arbeit benötigen daher „ausgeprägte beraterische und (psycho-)therapeutische Kompetenzen“ (Kröger et al. 2024:93) und werden mit Selbstwertproblemen, Schwierigkeiten am Arbeitsplatz und den psychosozialen Folgen von Langzeitarbeitslosigkeit konfrontiert (Adam-Keßler / Köllner 2020). Kurzer Exkurs: In der sozialarbeiterischen Praxis sind sowohl Doppel- als auch Tripelmandat ein wichtiger Faktor. Während das Doppelmandat auf ihre Verpflichtung gegenüber Klient:innen und Gesellschaft verweist, besagt das Tripelmandat, dass sie gleichzeitig „ihrer Profession verpflichtet“ sind (Lutz 2020). Dies schließt die Komponenten Wissenschaftliches Wissen, ethische Basis, Menschenrechte, Menschenwürde und Haltung ein (Lutz 2020). Immer dann, wenn die Kriterien des Tripelmandats nicht eingehalten werden, sollten Sozialarbeitende eingreifen. Dies gilt auch für die Tätigkeit in der psychosomatischen Reha. Ronald Lutz betont jedoch, dass dies praktisch oft nicht möglich ist, da sich Sozialarbeitende in Abhängigkeitsverhältnissen befinden oder gesetzliche Vorgaben einhalten müssen (Anmerkung N.H.: wie wir alle).   

Schnittstellen von Tanz- und Bewegungstherapie und Sozialer Arbeit

Sowohl Tanz- und Bewegungstherapie als auch Soziale Arbeit verstehen sich als ganzheitlich: die Tanz- und Bewegungstherapie im Sinne einer Verbindung und Wechselwirkung von Körper, Emotion und Kognition und die Soziale Arbeit im Sinne einer Verbindung von Individuum und Umweltfaktoren. Alle Faktoren wirken zwar wechselseitig auf sämtliche Prozesse ein, es lässt sich jedoch sagen, dass die Soziale Arbeit den Einfluss der äußeren Faktoren auf das Individuum mehr thematisiert und die Tanz- und Bewegungstherapie vorrangig das inter- und intrapersonelle Erleben des Individuums bearbeitet. Im Tanz werden beide Pole miteinander vereint, denn er ermöglicht eine ästhetisch-kulturelle Erfahrung, in der das Individuum sich selbst spürt und gleichzeitig über den Körper in Kontakt und Resonanz mit der Umwelt geht. Der Tanz als ästhetisches Objekt spiegelt gesellschaftliche Werte, Normen und Körpervorstellungen wider und nimmt damit Bezug auf Umweltfaktoren. So ist die Ästhetisch-Kulturelle Bildung, in deren Rahmen sich der Tanz im Kontext des Gesundheitswesens sieht, eine ideale Schnittstelle zwischen den beiden Professionen. Insbesondere Psychosoziale Kompetenz als Ziel der Tanz- und Bewegungstherapie und Soziales Kompetenztraining als Aufgabe der Sozialen Arbeit bieten eine Vielzahl an inhaltlichen Überschneidungspunkten. Aber auch Hoffnung, Selbstwertgefühl und kreatives Potential lassen sich für beide Professionen als gemeinsame Ziele beschreiben.

Möglichkeiten und Grenzen einer Zusammenarbeit von Tanz- und Bewegungstherapie und Sozialer Arbeit in der psychosomatischen Reha 

Wie könnte diese Zusammenarbeit nun konkret aussehen? In einem ersten Entwurf, der noch durch viele weitere Ideen ergänzt werden kann, ist mein Vorschlag (N.H.), dass die Rehabilitand:innen in drei Gruppen aufgeteilt werden. Jede Gruppe beginnt unabhängig voneinander mit der Choreograf:in / Tanzvermittler:in, der Tanztherapeut:in oder der sozialarbeitenden Person zu arbeiten. Hier entwickeln sie mit den Methoden der jeweiligen Profession ein Gruppenthema. Mit diesem Thema wechseln sie dann zur nächsten Person und bearbeiten es dort mit deren Mitteln. Beispielsweise kommt in der Sozialen Arbeit das Thema auf, sich für Umschulungsmaßnahmen zu bewerben und/oder sich für diese zu öffnen, obwohl man den ursprünglichen Beruf eigentlich nicht aufgeben möchte. Traut man sich einen neuen Berufsweg zu? Mit dieser Frage geht die Gruppe zur Tanztherapeut:in, die diese Frage mit den Teilnehmenden in Bewegung nimmt und sich mit Ängsten und Möglichkeiten auseinandersetzt. In der Gruppe der Choreograf:in / Tanzvermittler:in werden dann künstlerische Impulse gesetzt. Jede Gruppe beginnt mit einer der drei Fachkräfte diesen Prozess. Schlussendlich kommen alle drei Gruppen zusammen und gemeinsam mit allen Beteiligten wird aus dem gewonnenen Material ein performatives Ganzes entwickelt, in dem festgesetzte und/oder improvisatorische Elemente vorkommen können. Abschließend werden der Prozess sowie die sich daraus ergebenden Erkenntnisse reflektiert. Die Choreograf:in /Tanzvermittler:in hat hier die Rolle, mit den Teilnehmenden aus dem vorhandenen Material wichtige Elemente auszuwählen, künstlerisch zu bearbeiten und neue Verbindungen zwischen den Themen zu schaffen. Tanztherapeut:in und sozialarbeitende Person sind in diesen Prozess eingebunden, unterstützen die Choreograf:in / Tanzvermittler:in und übernehmen die Federführung in den moderierenden und reflektierenden Anteilen. Sie kümmern sich zudem um Einzelne, falls es zu schwierig zu bewältigenden Gefühlen bei Teilnehmenden kommt. Verhaltens- und Bewältigungsmuster der Rehabilitand:innen werden in verschiedenen Situationen für sie selbst, für die Tanztherapeut:in und für die sozialarbeitende Person deutlich und können in die Therapie bzw. die Einzelberatung zurück eingebunden werden. Sie bereichern dadurch die Sichtweise auf die Rehabilitand:innen. Der beschriebene Prozess mag für nicht künstlerisch Tätige zunächst nach einem großen Chaos aussehen, die Idee bezieht sich jedoch auf Methoden des Zufallsverfahrens und des kollektiven Arbeitens des zeitgenössischen Tanzes (Klein 2024). Durch den Kreislauf der Bearbeitung von Themen mit unterschiedlichen Mitteln werden immer wieder neue Perspektiven entwickelt. Zudem wird deutlich, dass ein relevantes Thema in verschiedenen Zusammenhängen betrachtet werden kann. Dies wäre ein Vorbild für den Übertrag der therapeutischen Erkenntnisse in den Alltag, der oft als herausfordernd erlebt wird. Es können Soft Skills wie Kommunikationsstärke, Teamfähigkeit und Flexibilität entwickelt werden. In diesem Entwurf hätten alle Sichtweisen ihren Platz: die therapeutische, die beratende, die beruflich-ökonomische und die künstlerische.

Durch diese Zusammenarbeit soll den Schwierigkeiten der Reha begegnet werden. Die von außen kommende Person, die weder von einem therapeutischen Auftrag noch von sozialarbeiterischen Belangen beeinflusst ist, kann mit ihrem künstlerischen Auftrag alle Beteiligten zu einer Neubetrachtung herausfordern. Rehabilitand:innen, die wenig oder gar nicht motiviert sind, sind mit einer unabhängigen Person konfrontiert, diejenigen, die motiviert sind, sehen sich in der künstlerischen Ausrichtung bestärkt. Der Tanz als künstlerisches Medium bringt durch seinen Fokus auf die künstlerischen Elemente die Unvorhersehbarkeit, die Irritation und das Unerwartete der Kunst und damit die künstlerische Freiheit in diese Arbeit ein. Die künstlerische Expertise in choreografischen und evtl. partizipatorischen Prozessen bereichert den Prozess. Die Soziale Arbeit könnte mehr die Themen aufgreifen, die sich auf den Einbezug des Sozialen und der Umweltfaktoren und die Tanz- und Bewegungstherapie eher diejenigen, die sich auf intra- und interpsychische Prozesse beziehen. Idealerweise wechseln diese Fokusse jedoch auch, sodass das professionelle Handeln an Perspektiven gewinnt und die jeweils vorhandene Ganzheitlichkeit vertieft wird. Vorgestellte Themen wie bspw. Stress- oder Kommunikationsmodelle aber auch Beratungssituationen können als Impuls für die künstlerische Gestaltung dienen (nach Spreti 2012), in die die Informationen und das Wissen um soziale und innerpsychische Prozesse der beiden Professionen einfließen und so in der Arbeit berücksichtigt werden. Mögliche Überforderungen in einer künstlerischen Arbeit werden vermieden, da Tanz- und Bewegungstherapeut:innen und die Sozialarbeitenden therapeutisch und/oder beratend eingreifen können. Gleichzeitig aber werden Rehabilitand:innen in kreativer und künstlerischer Weise darin gefördert, in unerwarteten oder neuen Weisen zu denken und zu handeln und sich im alltagsfernen Rahmen des Choreografischen auszuprobieren. Ebenso können die durch den Tanz geförderten Soft Skills auf soziale Situationen angewandt, diskutiert, auf ihr Alltagspotential überprüft und wieder, im Sinne der Dezentrierung, also des Perspektivwechsels durch den Übertrag in ein künstlerisches Medium, künstlerisch übersetzt werden. Möglichkeiten der Berufsorientierung und der Entwicklung von beruflichen Zukunftsperspektiven, ein Arbeitsfeld der Sozialen Arbeit, können in der Zusammenarbeit mit Tanz und Tanz- und Bewegungstherapie aufgegriffen, sowohl künstlerisch bearbeitet als auch in Zusammenhang mit biografischen Erlebnissen und der psychischen Erkrankung gesetzt werden. Die gemeinsame Arbeit erweitert die Möglichkeiten der einzelnen Disziplinen und könnte gleichzeitig den Rehabilitand:innen die Transferleistung von Therapie und Beratung in den Alltag erleichtern, da sie innerhalb der Therapie erfahren, wie, ganz im Sinne des biopsychosozialen Gesundheitsverständnisses, Faktoren des Körperlichen, des Psychischen und Sozialen von einem ins andere führen. Rehabilitand:innen können sich in ihren unterschiedlichen Präferenzen und Schwierigkeiten ernster genommen fühlen, da situationsadäquat eine Person der jeweiligen Profession auf sie eingehen kann. Auch in Anbetracht der kurzen Aufenthaltsdauer in der Reha kann dies ein Behandlungsgewinn sein. Die therapeutische Beziehung kann gestärkt werden, da die Mitarbeitenden die Klient:innen in verschiedenen Situationen erleben und so ein größeres Verständnis entwickeln können. Das gegenseitige Verständnis der Professionen, ein wichtiger Punkt in der interprofessionellen Zusammenarbeit (dgppn 2024-09-18_DGPPN_Erklärung_Interprofessionelle_Zusammenarbeit.pdf), kann sich festigen und Impulse der jeweils anderen Profession können aufgenommen werden, wodurch sich die unterschiedlichen Arbeitsweisen bereichern. Zu guter Letzt wäre diese Art der Zusammenarbeit ein Gewinn für die sozialmedizinische Begutachtung, da Handlungs- und Bewältigungsmöglichkeiten durch das künstlerische Tun gemeinsam mit den Rehabilitand:innen reflektiert und im Tun erlebt werden können.

Diese Idee erfordert jedoch sowohl von der Institution psychosomatische Reha eine Bereitstellung der nötigen personellen, zeitlichen und finanziellen Mittel als auch von den beteiligten Mitarbeitenden die Bereitschaft, sich auf einen gemeinsamen Prozess einzulassen, flexibel zu reagieren und kreativ in der Entwicklung neuer Formate zu sein.

Fazit

Der Ansatz, die interprofessionelle Zusammenarbeit in der psychosomatischen Reha in einem gemeinsamen Tun zu denken, bietet Möglichkeiten der engeren Zusammenarbeit für die Tanz- und Bewegungstherapie und die Soziale Arbeit, bspw. über die Ästhetisch-Kulturelle Bildung. In dem hier vorgeschlagenen Vorgehen ist der Tanz das verbindende Element, da beide Professionen Zugang zu einem ästhetisch-kulturellen Bildungs- oder auch Erfahrungskontext haben, der durch die tanzkünstlerische Arbeitsweise vertreten wird, sodass diese als Schnittstelle dient. Die mangelnde Erfahrung von Tanzkünstler:innen mit psychischen Erkrankungen und den besonderen Erfordernissen der psychosomatischen Reha wird durch die Tanz- und Bewegungstherapie aufgefangen und die Soziale Arbeit bringt ihre besondere Expertise des Sozialen und Sozialrechtlichen ein. Die Klient:innen können durch das Angebot die Verschränkung psychischer Probleme, sozialer Kompetenzen und alltäglicher Handlungsfelder erleben und Soft Skills für den privaten und beruflichen Alltag entwickeln. Gleichzeitig kann die Zusammenarbeit für die jeweiligen Personen der unterschiedlichen Professionen eine Weiterentwicklung ihrer Arbeit durch die Verschränkung der Disziplinen bedeuten. Ob diese Form der Zusammenarbeit in der psychosomatischen Reha einen Zugewinn für die Behandlung der Rehabiltand:innen und für die Mitarbeitenden darstellt, muss empirisch überprüft werden. Wie diese Idee finanziell und personell umsetzbar wäre, bedarf ebenso weiterer Überlegungen. Dies ist ein erster Arbeitsimpuls für eine kreative Zusammenarbeit, eine Anregung, ganz im tänzerischen Sinn, andere Wege in der psychosomatischen Reha zu suchen. 

Verwendete Literatur

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Nicole Hartmann, Lea Teßmer (2026): Ästhetisch-Kulturelle Bildung in der psychosomatischen Rehabilitation – Ein Bindeglied zwischen Tanz- und Bewegungstherapie und Sozialer Arbeit? In: KULTURELLE BILDUNG ONLINE: https://www.kubi-online.de/artikel/aesthetisch-kulturelle-bildung-psychosomatischen-rehabilitation-bindeglied-zwischen-tanz (letzter Zugriff am 20.04.2026).

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